1. NRW
  2. Städte
  3. Remscheid

Remscheid: Tornado verwüstet Gärten und Dächer

Remscheid : Tornado verwüstet Gärten und Dächer

Es waren nur wenige Minuten, doch sie reichten, um immensen Schaden anzurichten: Eine Windhose zog gestern gegen 16.40 Uhr von der Morsbachtalstraße über den Stadtkegel bis zur Lüttringhauser Blume. Dächer wurden abgedeckt, Bäume entwurzelt. Verletzt wurde niemand.

Um 16.40 Uhr wird es im Morsbachtal stockdunkel. Ein lautes Dröhnen verheißt nichts Gutes. Wie aus dem Nichts heraus fegt eine Windhose quer über den Remscheider Stadtkegel bis zur Blume und hinterlässt einen schmalen Streifen der Verwüstung: Dächer werden abgedeckt, Bäume umgeknickt, Äste abgerissen. "Mülltonnen flogen durch die Luft", beschreibt Feuerwehrchef Guido Eul-Jordan die Kraft des Wirbelwindes. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt.

Reihenweise fegte die Windhose Bäume im Morsbachtal (wie hier im Bereich an der Bärenkuhle) um. Die Straße wurde gesperrt, Feuerwehrmänner räumten die Fahrbahn frei. Foto: Kollmann

Eine Unwetterwarnung gab es für den Nachmittag nicht. Der Sturm traf alle unvorbereitet. Ab 16.44 Uhr gingen zahlreiche Notrufe bei der Feuerwehr ein. Mit 50 Einsatzkräften rückte die Wehr aus. Die verwüsteten Bereiche sperrten die Feuerwehrmänner der Reihe nach ab. Von den beiden Drehleitern aus entfernten sie Dachpfannen aus den Regenrinnen, deckten Löcher im Dach mit Planen ab, räumten umgestürzte Bäume beiseite.

Foto: Moll, Jürgen

I Auch auf der Grunerstraße wütete die Windhose. Sie beschädigte das Dach der Alexander-von-Humboldt-Realschule (AvH). "Im Firstbereich und an der Seite Richtung Schüttendelle wurden Dachpfannen runtergefegt", sagt Thomas Judt, Leiter des Gebäudemanagements. Vor wenigen Jahren erst war das Dach komplett erneuert worden. Ärgerlich: Auch die Bitumenunterspannbahnen wurden teilweise beschädigt, so dass ein Regenschutz fehlte. Vier Dachdecker, gesichert durch Seile, reparierten.

I Ulrich Schnell koordinierte bei der Feuerwehr die Einsätze. Hilfreich war ein Scout, der den Grad der Schäden einschätzte und eine Dringlichkeitsliste für seine Kollegen erstellte. Rund zwölf Einsätze bewältigte die Wehr binnen zwei Stunden, um Bäume wegzuräumen. Besonders in der Oelmühle sah es wüst aus.

I Gertrude Haferland ist der Schreck noch anzuhören: "Das war grausig", beschreibt sie den Moment, als die Windhose durch ihren Garten an der Stockder Straße wirbelte. Sie hatte die dunkle Wolke beobachtet, die von der Trasse des Werkzeugs heraufzog, und zu ihrem Sohn gesagt: "Die dreht sich doch." Weniger als eine Minute dauerte der Spuk. Als er vorbei war, lagen drei Erlen und ein Walnussbaum, alle an die 20 Meter hoch, umgeknickt im Garten.

I Roswitha Hopp war vom Sofa aufgesprungen, um die Balkontüre zuzudrücken, die der Wind aufgestoßen hatte. Während sie noch gegen den Druck ankämpfte, fiel ihr Blick auf den Innenhof ihres Hauses an der Christianstraße. Was sie sah, war "furchtbar": Der Tornado hatte die Dachpappe des Nachbarhauses mitsamt Oberlicht und Kamin abgedeckt und wirbelte die Bitumenbahn geradewegs auf sie zu. "Ich bin ja kein Angsthase, aber da habe ich gedacht, jetzt hab' ich mein letztes Bütterchen gegessen", sagt die 65-Jährige. Gottlob verfing sich die Dachpappe in einem Baum und wurde zu Boden gedrückt. "Sonst wäre noch was Schlimmes passiert", sagt Tatjana Biesenbach, die im Nachbarhaus lebt und alles aus dem Wohnzimmerfenster beobachtete. "So ging mir der Puls", sagt sie und zeigt eine zitternde Hand.

I Frank Tietze deutet erst auf die eine, dann auf die andere Hauswand. 20 Meter liegen dazwischen. "So weit hat der Tornado die Mülltonne umhergewirbelt", sagt der 45-Jährige. Auch sein eigenes Haus an der Grunerstraße nahm Schaden. Seit gerade mal anderthalb Jahren wohnen er und seine Familie darin, sie haben es frisch saniert. Jetzt klafft im Dach zwischen den schwarz lackierten Ziegeln eine Lücke. "Das müssen wir neu machen", sagt er und hofft, dass die Versicherung zahlt. "Fernsehen können wir auch nicht", bedauert Tietze.

I Luis Ruiz war in seinem Auto auf der Freiheitstraße unterwegs, als der Tornado über ihn hinwegzog. "Man sah alles fliegen", sagt der 49-Jährige. Den Bauarbeitern an der Freiheitstraße / Ecke Alleestraße sei nur noch die Flucht geblieben, erzählt Ruiz: "Die rannten schnell davon und suchten Schutz."

I In der Wagenhalle steht der Wagen seines Kollegen. Ein Ast, der vom Tornado abgerissen wurde, zertrümmerte die Heckscheibe des Autos. Georg Baier, Fuhrparkleiter bei der Spedition Flesche, betrachtet nachdenklich den Schaden. Ein komplettes Rolltor habe der Tornado am Firmengebäude aus der Verankerung gerissen. "Wir haben das jetzt mit Mühe und Not zugemacht", erzählt Baier.

I In den Straßen, die der Tornado heimsuchte, hallen hämmernde Geräusche und das Surren von Akkuschraubern wieder. Die Dachdecker haben viel zu tun, einige kommen auch aus den umliegenden Städten. "Wir machen jetzt erst mal eine Notabdichtung", ruft Jan Trilling von oben — er ist aus Wuppertal. Über die vielen Aufträge können sich die Dachdecker nicht so recht freuen. Sie wissen, dass ihre Kunden in Angst und Sorge sind. "Und vorher hatten wir auch schon genug zu tun", sagt Dachdecker Andreas Radke. Auch Andreas Zehlius und Jens Neubert sind wenig begeistert: "Wir waren schon im Feierabend", erzählen sie. Jetzt legen sie sich das Sicherheitsgeschirr um, um in schwindelnder Höhe auf das Dach der Alexander-von-Humboldt-Realschule zu steigen.

(RP/rl/jco)