Neuss: Magret Albiez,Oberärztin der Geburtshilfe am Johanna-Etienne-Krankenhaus, bietet Hilfe bei Genitalverstümmelung an

Tabuthema Genitalverstümmelung: Ein Schnitt in die Menschenwürde

Die Genitalverstümmelung ist ein abscheuliches Ritual. Auch in Deutschland leben mittlerweile Betroffene. Dr. Magret Albiez, Leitende Oberärztin der Geburtshilfe am Neusser Johanna-Etienne-Krankenhaus, bietet ihnen Hilfe an.

Kaum ein anderes Thema löst unmittelbar so starke Reaktionen aus: Genitalverstümmelung. Sobald von dieser anarchischen Tradition die Rede ist, reagieren Menschen mit Abscheu, Empörung, Verzweiflung, Scham oder Betroffenheit. Dr. Magret Albiez, Leitende Oberärztin der Geburtshilfe am Johanna-Etienne-Krankenhaus (JEK), weiß, wie gruselig dieses lebensbedrohliche Ritual Außenstehenden anmutet. Und sie kennt die große Scham und das stille Leiden der betroffenen Frauen. Denn die Gynäkologin befasst sich schon seit längerer Zeit ausführlich mit dem Thema der Genitalverstümmelung. „Vor einiger Zeit plante ich, während meines Urlaubs in einer Klinik in Somaliland auszuhelfen“, erzählt Albiez. „In dem Krankenhaus werden beschnittene Frauen behandelt und lokale Geburtshelfer ausgebildet.“

Im Vorfeld ihres medizinischen Einsatzes in der autonomen Region im Nordteil Somalias hatte sie sich umfassend mit Therapie und Behandlung von beschnittenen Frauen und Mädchen befasst. „Da die politische Situation in Somaliland dann doch zu unübersichtlich war, habe ich meinen Einsatz vorerst zurückgezogen“, so Albiez.

Ihr Wissen um das Thema Genitalverstümmelung kommt aber auch Patientinnen im JEK zugute. „Seitdem viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, behandeln auch wir mehr Frauen und Mädchen, die beschnitten sind“, sagt Albiez. Erst im vergangenen Monat hatte sie drei Patientinnen, die dieses furchtbare Ritual zwar überlebt, aber teilweise unter den Folgen zu leiden haben.

Vier verschiedene Arten der Beschneidungen gibt es, so Albiez. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO umfasst die weibliche Genitalbeschneidung – Experten sprechen von Female genital mutilation (FGM) – die teilweise oder vollständige Entfernung der weiblichen äußeren Genitalien. Ohne ins Detail gehen zu wollen bezüglich dieser grausamen, von Laien ohne jegliches medizinisches Fachwissen vorgenommenen Methode: Experten gehen davon aus, dass bis zu zehn Prozent der Betroffenen daran sterben. Schätzungen von WHO und Unicef zufolge sind weltweit etwa 200 Millionen Mädchen und Frauen in mehr als 70 Ländern betroffen.

Jährlich kommen bis zu drei Millionen weibliche Opfer dazu. „In etwa 28 afrikanischen Staaten sowie Ländern im mittleren Osten und in Südostasien werden Frauen und Mädchen beschnitten“, sagt Albiez. Es sei aber ein Irrtum, dass FGM eine islamische Tradition sei.

Im Zuge der Migration gibt es etwa 58.000 beschnittene Frauen und Mädchen in Deutschland. Die Gynäkologin ist überzeugt, dass Aufklärung immens wichtig ist. „Viele der Frauen wissen gar nicht, dass sie anders sind, und dass andere Frauen nicht beschnitten sind.“ Diese Unkenntnis führe oftmals dazu, dass Mütter die Beschneidung ihrer Töchter als vollkommen normal erachten. Sobald sie aber erfahren, dass dieses patriarchalische Ritual zu einer Verstümmelung ihrer Genitalien geführt hat, und in vielen Ländern geächtet ist, fühlen sie sich wiederum stigmatisiert.

„Es ist sehr heikel, das zu thematisieren. Denn in ihren Heimatländern ist es ein Tabuthema – ein stilles Leiden“, so Albiez. „Deshalb muss man sehr behutsam auf Betroffene eingehen.“ Insbesondere wenn sie über diffuse Beschwerden klagen. „Denn Beschneidung kann man auch übersehen. Das kann sogar erfahrenen Gynäkologen und Hebammen passieren“, erklärt Albiez. „Aber Genitalverstümmelung ist nicht nur ein medizinisches Problem, sondern vor allem eine Verletzung des Menschenrechts und darüber müssen wir reden.“

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