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Neuss: Manifest für die digitale Revolution

Neuss : Manifest für die digitale Revolution

Das Informationszeitalter verändert den Alltag. Joachim Paul hat ein netzpolitisches Manifest geschrieben.

Beim Lesen von Dave Eggers Roman "Der Circle" kann einem schon mal schwindlig werden. Die beinahe allumfassende Macht einer IT-Firma wird darin geschildert - mit all der süßen Verführung und der hemmungslosen Gier, mit der das Technologieunternehmen nach allem greift, was es bekommen kann. "Privatsphäre ist Diebstahl" lautet ein zentraler Slogan, und es gibt keine Grenzen, der "Circle" will immer mehr, alles, er verschlingt Menschen geradezu. Joachim Paul hat das Buch über die Feiertage gelesen.

Der 59 Jahre alte Landtagsabgeordnete der Piratenpartei hält der bedrückenden Dystopie eine klare Überzeugung entgegen. "Es muss Schutzräume vor allumfassender Transparenz geben", sagt er. Ein Angriff auf die Privatsphäre, radikal und zügellos, das ist der Kern des "Circle" in Dave Eggers Roman. Paul hingegen plädiert für den Schutz der Privatsphäre und für "informationelle Selbstbestimmung".

Wer über Digitalisierung spricht, über Facebook, Amazon, Twitter, Instagram und ihre Angebote, der muss sich mit Fragen von Datenschutz und Privatsphäre beschäftigen. Aber über das Private hinausgehend gibt es eine weitere, größere Frage: Wie können die schier endlosen Möglichkeiten, die das Internet und die Digitalisierung bieten, zum Wohle der Menschheit genutzt werden. Joachim Paul hat ein Schriftstück dazu verfasst. Sein "Netzpolitisches Manifest für das Informationszeitalter" wurde im August in Wolfenbüttel als Grundlagentext von der Piratenpartei in ihren Kanon aufgenommen. Es gibt eine Ähnlichkeit zu Dave Eggers Roman: das Cover. Beim Hardcover von "Der Circle" ist es ebenso leuchtend orange wie beim "Netzpolitischen Manifest". Und das ist das Ende der Gemeinsamkeiten. Bei Eggers ist es eine Warnfarbe, die im Regal der Buchhandlungen auffällt, cleveres Marketing. Bei Paul hingegen hat es auch eine Botschaft: Das Orange ist die Farbe der Piratenpartei. Und Paul warnt.

Der Politiker möchte mit seinem 53 Seiten umfassenden Schriftstück Denkanstöße geben. Was Datenschutz angehe, den Umgang mit ganz privaten Informationen, seien die Zeiten düster. "Das Informationszeitalter bietet aufregende Möglichkeiten. Aber im Mittelpunkt muss der Mensch stehen", sagt Paul. "Zurzeit steht jedoch nur der Kunde im Mittelpunkt." Die Macht von Konzernen wie Amazon und Facebook sieht er kritisch. "Facebook ist eine Illusionsmaschine", sagt Paul. Computer-Algorithmen, die eine eigene Welt schaffen. Echokammern, die vernetzt eine Mehrheitsillusion schaffen - als Wirklichkeitsentkopplung.

Aber in Pauls netzpolitischem Manifest geht es um mehr. Das Informationszeitalter wird die Arbeitswelt revolutionieren, Paul spricht vom Übergang von der Arbeits- in die Tätigkeitsgesellschaft.

Das wirft Fragen zu den Sozialsystemen der Zukunft auf. Es geht um Nachhaltigkeit, Wirtschaft und Bildung. Kurz: Es geht um das gesamte Leben von morgen. Das fängt früh an: Der erste Schritt zur "informationellen Selbstbestimmung" beginnt für Joachim Paul in der Schule - mit flächendeckender Entwicklung von Medienkompetenz.

(NGZ)