Inklusion auf der Baustelle Neuss: Charly, ist die gute Seele beim Abriss auf dem Alexianer-Gelände

Inklusion auf der Baustelle : Charly ist beim Abriss des Krankenhauses dabei

„Charly“ hatte in seinem Leben nie besonders gute Karten. Bei den Abrissarbeiten auf dem Alexianer-Gelände ist der 72-Jährige dabei. Eine ungewöhnliche Geschichte über Inklusion.

Norbert Kretschmer, genannt Charly, 72 Jahre alt, Rentner und Mitglied der Gruppe Christophorus im Haus Barbara der St.-Augustinus-Behindertenhilfe, ist ein Original. „Personenschutz wird bei uns groß geschrieben“, mahnt Isa Sowa, Mitarbeiterin der Werk- und Begegnungsstätte. Deshalb wird nicht detailliert über Befindlichkeit und Krankheitsbild des ehemaligen Mitarbeiters in der Wäscherei des Alexius-Krankenhauses berichtet. Sondern nur so viel, dass er in seinem Leben wohl nie besonders gute Karten hatte.

Aber schon beim ersten Sehen steht außer Zweifel, dass er eine ganze Menge daraus macht. Just so erging es auch dem Polier Michael Bradavic, der Charly auf der Stelle mochte und ihn kurzerhand umtaufte in „Popeye“. Dieser amerikanischen Comic-Figur sieht er ähnlich. Nur ein Unterschied ist zu vermerken: Während Popeye sich im Wesentlichen von Spinat ernährt und daraus Bärenkräfte bezieht, hat es „Popeye“, das Remake, vor allem auf die Frühstücksbrote der Baukolonne abgesehen.

Den Anlass zu Charlys Karriere auf der großen Baustelle bot der Abriss des alten Krankenhauses. Seitdem dieser der Mönchengladbacher Spezialfirma Herzog KG übertragene Job im November 2017 aufgenommen wurde, war Charly zur Stelle. Beim bloßen Zusehen sollte es nicht bleiben, denn Charly hatte eine Idee. Die ergab sich aus den Gesprächen mit den Bauleuten vor Ort und der Entwicklung einer Vertrautheit bis zur Freundschaft. Von den Stufen dieser allmählichen Annäherung zeugt eine ganz mit Fotos bestückte Wand im Barbarahaus. Von Anfang an ist dort dokumentiert, wie der Abriss ablief – und wie Charly stets mitten im Geschehen steht. Von da an war es nicht mehr weit bis zum Mitmachen.

Freilich nicht im Sinne eines Arbeitsvertrags oder gar kräftigen Zupackens. Sondern Charly, den Michael Bradavic als liebenswerten Mensch bezeichnet, „der Zuwendung und Anerkennung mag“, beförderte die Baufortschritte durch seine bloße Präsenz. „Ich bin oft unter großem Stress“, berichtet der Polier. Dann tue ihm Charlys alias Popeyes lächelnde Aufmerksamkeit zur Entspannung richtig gut. Und dessen Einweisen der Container und Bezeichnen der Stellplätze für die Baufahrzeuge schätzen alle.

Auch in der Kommunikation hat der ungewöhnliche Abriss-Spezialist Michael Bradavic eine Lösung gefunden. Selbst wenn Charlys Artikulation schwach ist, wissen die Leute im Bauteam schon meistens im Voraus, was er sagen will. Mit Helm oder Mütze, in Arbeitskleidung einschließlich Stiefeln, gehört dieser „Kollege am Bau“ zum Arbeitsalltag. Doch Charly ist ebenso ein sorgsam behüteter Schützling. Grundsätzlich hält er bei den Arbeiten Abstand und ist durch sein aufmerksames Dabeisein doch voll im Baugeschehen.

Auf diese Art ist eine gelungene, wenn auch begrenzte Form der Inklusion entstanden. Da ist einer mit dabei, nur weil er gern mitmachen will – und wird respektiert.

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