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Neuss: Den modernen Tanz kraftvoll geerdet

Neuss : Den modernen Tanz kraftvoll geerdet

Bei den Internationalen Tanzwochen riss die Company Ailey II aus New York das Publikum zu Beifallstürmen hin.

Der Sparzwang der Städte macht auch vor einer so renommierten Veranstaltungsreihe wie den Internationalen Tanzwochen nicht Halt. Aus diesem Grund wandten sich am vierten Veranstaltungsabend der Saison 2012/2013 der künstlerische Leiter Rainer Wiertz und Kulturdezernentin Christiane Zangs an das Publikum in der ausverkauften Stadthalle und warben gemeinsam um Verständnis für eine deutliche Erhöhung der Eintrittspreise: Ansonsten könnten Qualität und Quantität des Festivals nicht erhalten werden.

Nach diesen eindringlichen Worten ließen die beiden jedoch die Tänzer für sich und das Festival sprechen. Ailey II aus New York, ein Ensemble mit jungen Talenten aus der Schmiede der Alvin Ailey Company, präsentierte mit insgesamt fünf Stücken einen facettenreichen Überblick über sein Können.

In einem der jüngsten Produktionen, "Rusty" von 2012, beschäftigt das Ensemble sich mit den Erfahrungen junger Tanzkünstler: körperliche Herausforderungen, Beziehungen der Tänzer untereinander, Probenalltag. Ganz in Grau sind die neun Tänzer gekleidet, in legeren Trikots, mit Socken an den Füßen. Zunächst befindet sich ein Mann alleine auf der Bühne. Er scheint sich warmzumachen, dehnt und streckt sich. Nach und nach kommen immer mehr Tänzer hinzu. Alle berühren sich, stehen in Kontakt zueinander. Vereinzelt entstehen Paare und verschwinden miteinander. Die Bewegungen sind spielerisch, Arme und Beine strecken und Körper drehen sich. Sie scheinen sich gegenseitig zu begutachten, korrigieren sich streng untereinander. Jazzige Musik treibt die athletischen Körper an, weißes Licht wirft vibrierende Schatten an die Wand.

Das zweite Stück "Doscongio", ein Solo, wirkt dagegen formstreng, fast geometrisch. Zur wunderschönen Sonate für Cello g-moll op 65 von Frédéric Chopin geht es für den Tänzer Gentry George um die Zerrissenheit zwischen selbstbewusstem Auftreten und innerer Unsicherheit. Immer wieder präsentiert er sich mit großen ausladenden Armbewegungen und Ausfallschritten. Geht stellenweise zu Boden, versinkt in sich, richtet sich kurze Zeit später wieder auf.

Ein Höhepunkt des Abends ist das unglaublich kraftvolle und energiegeladene Stück "The Hunt" von 2001. Sechs Männer sind auf der Bühne. Sie tragen lange schwarze Röcke mit rotem Futter. Ihre Oberkörper sind nackt, die Stimmung aufgeheizt. Afrikanisch klingende Trommeln treiben die rituell anmutenden Bewegungen an. Es wirkt wie das Bereitmachen zum Kampf, zur Jagd nach was auch immer. Die Arme zeigen oft nach oben oder die Hände klatschen auf die Oberschenkel. Die Tänzer laufen im Kreis, springen plötzlich mit angezogenen Beinen in die Luft und geraten immer mehr in Ekstase, legen animalische Triebe bloß. Dagegen wirkt "Virtues" als letztes Stück recht belanglos. Es zeigt ein Feuerwerk an Gruppenchoreographien, Duetten und Soli. Alles sehr ästhetisch, schön anzuschauen, makellos und fehlerfrei. Aber letztendlich zu glatt und inhaltsleer.

Bezeichnend für den Stil des überwiegend aus Afroamerikanern bestehenden Ensembles ist die Nähe zum afrikanischen Tanz, die Bodenhaftigkeit, das Erdige. Alvin Ailey ist es ein großes Anliegen, diese Elemente mit dem Modernen Tanz zu verbinden. Dafür liebt ihn das Publikum – auch in Neuss. So gab es am Ende Jubelrufe, stehende Ovationen.

(NGZ)