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Rhein-Kreis: "Kirche und Wirtschaft gehören zusammen"

Rhein-Kreis : "Kirche und Wirtschaft gehören zusammen"

Für den Neusser Pfarrer Jörg Hübner sind Themen der Sozial- und Wirtschaftsethik auch zentrale theologische Fragen. Die beleuchtet der evangelische Professor bei verschiedenen Veranstaltungen.

Wirtschaft und Religion – auf den ersten Blick sind das zwei ganz verschiedene Fachgebiete. Doch wer genauer hinschaut, etwa mit Unterstützung eines Experten wie dem Neusser Pfarrer Jörg Hübner, der erkennt schnell, das wirtschaftliches Denken bereits in der Bibel verankert ist. Und es zeigt sich, wie oft Fragen der Wirtschaftsethik theologische Antworten gefunden haben.

"Kirche und Wirtschaft gehören zusammen", sagt Hübner, der Experte für Wirtschaftsethik ist. Im Mai wird der Neusser Pfarrer seine Stelle als Leiter der Evangelischen Akademie Bad Boll in Baden-Württemberg antreten. Bis dahin legt er in Neuss noch einmal den Schwerpunkt auf seine Kernthemen: Mit einem Bibelkursus zum Thema "Wirtschaften in der Bibel" und seinem letzten "Einstein-Talk", bei dem Experten am kommenden Sonntag über die Grenzen wirtschaftlichen Wachstums diskutieren.

Hübner, der an der Ruhr-Universität Bochum lehrt, nähert sich der Bibel weniger mit frommen, als mit analytischem Blick. Die sozialen und historischen Hintergründe des Werks zu beleuchten, ist ihm wichtig, können sie doch zu neuen Erkenntnissen, auch des Glaubens, führen. Wirtschaft in der Bibel – dafür findet der Professor zahlreiche Beispiele, angefangen bei den Zehn Geboten. "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut" etwa. "Das ist biblische Ökonomie", sagt Hübner. Sie verweist auf ein Wirtschaftsverständnis, das auf Wohlstand und verantwortungsvolles Handeln setzt.

In seinem Bibelkursus, der bis Ende März jeden Mittwoch stattfindet, behandelt Hübner darüber hinaus verschiedene Stellen der hebräischen Bibel sowie des Alten und Neuen Testaments, in der Ökonomie und vor allem die Frage nach gerechtem Wirtschaften eine Rolle spielen. So stellt er an einem Kurstag etwa die provokante Frage "Jesus – der erste Gewerkschaftler?"

Eine der Grundlagen der Wirtschaft, das Verteilen von Waren und Gütern, ist aus christlicher Sicht verbunden mit dem Anspruch von Solidarität und sozialer Gerechtigkeit: "Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein", heißt es dazu im fünften Buch Mose. Hübner schlägt darüber den Bogen zur sozialen Marktwirtschaft, deren kirchlichen, protestantischen Hintergrund er betont.

Hübner mahnt, an der sozialen Komponente dieser Marktwirtschaft festzuhalten, er kritisiert die Wachstumsgetriebenheit des modernen Kapitalismus. Eine Kritik, die er auch am Sonntag beim Einsein-Talk äußern wird, wenn er mit wissenschaftlichen Experten die Grenzen des Wachstums unter der Frage "Wie wollen wir in Zukunft leben?" ausleuchtet. Auf dem Podium sitzen dann unter anderem der Oldenburger Professor Niko Paech, Experte für Nachhaltigkeitsforschung, und Bernd Winkelmann vom evangelischen Initiativkreis "anders wachsen". Hübner wird mit den Teilnehmern über die "Post-Wachstumsgesellschaft" diskutieren, also darüber, ob angesichts gesättigter Märkte eine nachhaltigere Form des Wirtschaftens notwendig ist. "Wir sollten nicht mehr Wachstum, sondern Wohlstand in den Mittelpunkt stellen", sagt Hübner. Denn Wohlstand lasse sich vielfach definieren, etwa über Bildung oder Beziehungen statt nur über finanzielle Aspekte. "Das würde unserer Wirtschaft wieder ein soziales Antlitz geben", sagt Hübner.

(NGZ)