Monheim: Online-Buchantiquariat verkauft Spannendes

Einkaufen: Monheimer verkauft Buchkuriositäten online

Andrej Rudolph hat ein Antiquariat eröffnet. Es umfasst unter anderen uralte Enzyklopädien, Reiseberichte und Werke über die Alchemie.

Ich verlasse Andrej Rudolph mit der 607. bis 680. Nacht aus den orientalischen Märchen von 1001er Nacht. Das Büchlein im Handyformat ist 150 Jahre alt und gehört damit zu den jüngeren Exemplaren des über 40.000 Stück umfassenden Buchantiquariats des  Monheimers. „Eigentlich“, sagt der gelernte Gärtner, der ein  kleines Unternehmen betreibt, „wollte ich erst ab 2020 beruflich zweigleisig fahren.“ Familiäre Umstände, eine halbjährige Tochter, die der besonderen ärztlichen und häuslichen Betreuung bedarf, und ein dreijähriges Zwillingspärchen zwingen ihn schon jetzt, mit seinem antiken Online-Buchhandel zu starten. Denn so kann er von zu Hause aus arbeiten.

Zwischen schnellflüchtigen Tweets,  Fake News und E-Books wirkt die Leidenschaft Rudolphs für die  unhandlichen Wälzer aus der Zeit Johannes Gutenbergs fast schon ein bisschen verschroben. „Mit Neuem kann ich nicht so viel anfangen, außer es ist dringend erforderliche Technik“, gesteht er. Sein Leitsatz „Erhalte das Alte“ wurde auch der Name seiner Internet-Domain, von der aus er Altertümchen anbietet und ankauft.

In seinem selbstgebauten Haus hat er den Folianten und Nachschlagewerken in golden geprägten Ledereinbänden  aus längst vergangenen Zeiten einen Anbau gewidmet. Dort kann man gemütlich in alten Ledersesseln vor raumhohen Bücherregalen versinken und schmökern.

Die wertvolleren Schriftstücke liegen in beleuchteten Vitrinen. Zum Beispiel das Buch über „Auserlesenste Wunder der Natur und allerwunderlichste Wunder der Natur und Erscheinung der Natur“  von 1694. Damals verließ der Verfasser sich auf die Erzählungen Reisender und versuchte danach, sich und anderen die Welt zu erklären. Ein Werk, das mitunter zum Lächeln bringt. Denn es war eine Welt der feuerspeienden Flugdrachen und der Meermönche, letztere abgebildet als menschliche Geistliche im Talar mit einem Fischschwanz wie bei einer Meerjungfrau. Deren Existenz war ernst gemeint.

Die andere Kostbarkeit ist ein „Kreuterbuch“ von 1572 mit wunderschönen handkolorierten Zeichnungen, die bis heute nicht verblichen sind. Das kleine zerfledderte Nachschlagwerk ist von bezaubernder Altmodigkeit und immer noch verwertbarer Weisheit. Andrej Rudolph trägt zu 95 Prozent Fachliteratur von Trödelmärkten und Haushaltsauflösungen zusammen.  Die Sammelobjekte sind aus dem 18. Jahrhundert und älter. „Ab diesem Zeitpunkt wird das Sammeln für mich erst interessant“, sagt er. Belletristik interessiert ihn nicht. Druckerzeugnisse über Alchemie und Zauberkünste gehören zu seinem Fundus so wie Lehrbücher über medizinische Geräte des 15. Jahrhunderts, über ungewöhnliche Krankheiten, alte Landkarten, Ausgaben des Simplicissimus von 1890 bis 1900 und uralte Reiseliteratur. Zu letzterem zählt die  Beschreibung einer Schifffahrt auf dem Rhein um 1620, in der alle anliegenden Orte minutiös aufgeführt werden – auch die Stadt Monheim. Diese sogar im Bild. Allerdings hat die Silhouette der Alten Freiheit, vom Schiff aus betrachtet, wenig Ähnlichkeit mit der heutigen  Stadt.

Sehr stolz ist Rudolph auf eine  Fragment der „Schedelschen Weltchronik“ von 1493, einem Original, das wegen seines Werts im Safe liegt. Er zeigt ein Faksimile. Es handelt sich um einen kunstvoll illustrierten Folianten, voll mit Bildern und Erklärungen der Welt, der Schöpfung und der Arche Noah.  Rudolph gerät ins Schwärmen über all diese Schätze, die seine Privatbibliothek und ein großes Lager füllen. „Sie hören, hier geht mir das Herz auf“, sagt er fast entschuldigend über seine enthusiastischen Schwärmereien.

Am liebsten ist es ihm, Menschen auf der Suche nach speziellen Büchern zu helfen. Der Markt für die gedruckten Besonderheiten und Spezialgebiete sei vorhanden, sagt  Rudolph. Er sucht sogar schon eine Hilfskraft. Ein Glück, dass die Frau des Bücherwurms Akademische Buchrestauratorin ist und die Leidenschaft ihres Mannes für alte Bücher nicht nur teilt, sondern ihn tatkräftig unterstützen kann. Statt auf dem Müll landet nun so manche Kostbarkeit da, wo sie hingehört: in die Händen eines Liebhabers.

(ik)