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Kleve: Unterricht in der Hütte

Kleve : Unterricht in der Hütte

Nach dem Krieg wurde die damals in Grafwegen lebende Anna Maria Janhsen zunächst einmal in der Woche in der heimischen Küche unterrichtet. Ab 1948 diente eine Nissenhütte als Klassenraum.

KRANENBURG-GRAFWEGEN "Dir, Annemarie, und Dir, Valentin, zur Erinnerung an Euren Lehrer Rudolf Steinmann. Grafwegen, am 31.1.1950", so lautet die Widmung in einem Buch, das Anna Maria Janhsen (75) als wertvolle Erinnerung an ihre Schulzeit aufbewahrt hat. Der Lehrer schrieb zu seinem Abschied von der Schule in Grafwegen in das Buch "Sigismund Rüstig" einen Ausspruch von Rabindranath Tagore.

Mit Motorrad aus Materborn

Anna Maria Janhsen, Neuenhof 8, in Kranenburg, wurde im Herbst 1942 in der Katholische Volksschule in Grafwegen eingeschult. Ihr Lehrer Willmsen wurde im 2. Weltkrieg eingezogen, sein Nachfolger, Lehrer Gilles, kam jeden Morgen mit einem alten Motorrad von Materborn. "Wir waren mit der Klasse Waldbeeren pflücken", erzählt die ehemalige Schülerin, "doch ein Rad riss den Karton mit Beeren auf dem Motorrad auf, und der Lehrer kam in Materborn ohne Waldbeeren an". Wegen Krankheit wurde Lehrer Nottelmann aus Duisburg Nachfolger von Gilles. Er wohnte mit seiner Familie in einer Wohnung im Schulgebäude in Grafwegen, wo 45 bis 50 Jungen und Mädchen vom 1. bis 8. Schuljahr in einer Klasse unterrichtet wurden. "Der Keller der Schule war als Luftschutzraum bei Fliegeralarm ausgebaut", erinnert sich Anna Maria Janhsen. Mitte 1944 wurde die Schule wegen der Unterbringung deutscher Soldaten geschlossen. Vor der Luftlandung im September 1944 war die Hälfte der Bevölkerung von Grafwegen nach Holland interniert, der Rest im Klever Land und darüber hinaus evakuiert. Anna Maria kam mit ihrem Großvater, den Eltern und ihrem Bruder in ein ehemaliges KZ nach Vught/NL. Nach dem Krieg wohnte die Familie kurze Zeit in Kranenburg, denn Grafwegen war Niemandsland geworden. Nach kurzer Schulzeit dort ging es nach Grafwegen zurück, jedoch gab es da in der "verbotenen Zone" wiederum keinen Unterricht. 1947 kam Lehrer van Lier aus Kranenburg einmal wöchentlich mit dem Fahrrad, und für sechs Kinder wurde in der elterlichen Küche unterrichtet, mit Hausaufgaben für die ganze Woche.

Ab 1948 war die Schule eine Nissenhütte, darin war für Lehrer Steinmann eine kleine Lehrerwohnung. "Er war sehr streng, aber wir haben bei ihm viel gelernt". Das erste Zeugnis überhaupt erhielt Anna Maria im 2. Halbjahr 1948/49. Steinmanns Nachfolger war Lehrer Glasmacher. Anna Maria Zillig, so ihr Mädchenname, wurde 1951 aus der Schule entlassen. "Nach dem Krieg war ich die einzige Schülerin in meiner Klasse", lacht sie. Für Anna Maria waren Rechnen und Schreiben die Lieblingsfächer. Ein Aufsatz mit drei Seiten sollte geschrieben werden. "Da ich eine kleine Schrift hatte und mir nichts mehr einfiel, fehlten einige Zeilen, da gab es Strafarbeit", erzählt sie.

(RP)