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Grevenbroich: Kühlturm-Hopping

Grevenbroich : Kühlturm-Hopping

Ein leichter Ruck am Schleppseil, dann drückt mich die Beschleunigung mit Macht in den Hartschalensitz. Wer hat eigentlich jemals gesagt, dass Segelfliegen etwas mit Langsamkeit zu tun hat? Es rattert und knarzt. Wie dick waren noch einmal die Seitenwände meines Gefährts? Egal, jetzt gibt es eh' kein Zurück mehr.

Die 300 PS der Seilwinde ziehen das rund 700 Kilogramm schwere Flugzeug mit spielender Leichtigkeit nach vorne. Binnen drei Sekunden haben wir Tempo 100 erreicht, die Nase reckt sich gen Himmel. "Alle klar da hinten?" Die Frage klingt besorgt, Dr. Jürgen Seidel kennt seine Pappenheimer.

Klar ist alles klar. Wer will schon zugeben, dass sich beim Start eines Segelflugzeugs die Magengegend unangenehm bemerkbar macht. In einem steilen Winkel erobern wir jetzt den Luftraum über der Gustorfer Höhe. Der laute Knall, der mich zusammen zucken lässt verkündet wider Erwartet nicht mein jähes Ende, sondern nur das Ausklinken des Schleppseils.

In einer scharfen Linkskurve dreht Jürgen Seidel unser Flugzeug in die Thermik. "Wir müssen jetzt ein Luftpolster suchen. Kann sein, dass wir etwas im Kreis fliegen müssen", warnt Seidel mich vor. Tolle Aussichten. Garzweiler I klafft wie eine riesige Wunde im Erdreich. Immer wieder taucht der Braunkohletagebau zur Linken auf, Pilot Seidel hat seine Ankündigung wahr gemacht. Ich suche mir einen festen Punkt am Armaturenbrett, beobachte wie der Höhenzähler langsam aber sicher anzeigt: wir steigen.

Zuvor haben mich die Mitglieder des Aero-Clubs Grevenbroich bereits in die Geheimnisse des Segelfliegens eingeweiht. Zwischen Tagebau, Fahrsicherheitszentrum und Autobahn haben sich die Vereinsmitglieder ihren Traum vom Fliegen verwirklicht. Ein lang gezogenes Feld dient ihnen als Start- und Landebahn, elf Flugzeuge stehen seit der Fusion mit den Neusser Turmseglern im Hangar zur Verfügung. Jetzt, Mitte Juli, flimmert selbst in den Abendstunden die Hitze auf der Gustorfer Höhe. Das kleine Starthäuschen mit dem Funkgerät ist zum beliebten Schattenplatz geworden. Wer nicht gerade einer der vielfältigen Aufgaben auf so einem Flugplatz nachkommt, flieht vor den heißen Temperaturen.

"Zum Segeln ist das kein gutes Wetter", meint Walter Kirchner - und der muss es wissen. Seit 1961 steigt der 66-Jährige in die Lüfte, ist nun einer von zwei Fluglehrern beim Sommercamp des Aero-Clubs. "Wenn die Luft insgesamt so aufgeheizt ist, dann ist es schwer, noch ein aufsteigendes Polster zu finden. Hinzu kommt, dass die Bedingungen hier am Niederrhein generell nicht so gut sind. Der schwere Lehmboden ist sehr feucht und strahlt kaum Wärme ab", erklärt Kirchner.

Und darum geht es: Thermik. Ohne Luftpolster regt sich beim Segeln rein gar nichts. Der fehlende Eigenantrieb macht die Piloten zu Abhängigen. "Bei jedem Start ist immer auch eine gehörige Portion Glück dabei. Es kann sein, dass man direkt in den Landeanflug übergehen muss, weil keine Thermik vorhanden ist", so Ulrich Schulze, Präsident des Aero-Clubs.

Mittlerweile lerne ich die Tricks und Kniffe der Grevenbroicher Segler kennen. "Ich versuche uns in die Industriethermik hineinzubringen", sagt Jürgen Seidel und lässt unser Flugzeug endlich geradeaus fliegen. Wie bitte? Industriethermik? Ich blicke voraus und sehe die riesigen Schornsteine des RWE-Kraftwerkes Frimmersdorf vor mir auftauchen. "Sehen sie die gelben Luftschlieren da vorne. Genau da müssen wir rein. Es könnte etwas nach Schwefel stinken." Und wieder legt Seidel das Flugzeug auf die Seite, zieht in engen Kurven spiralförmig nach oben. Ich erhasche einen Blick von Grevenbroich, kann in der Ferne den Rhein und Düsseldorf erahnen.

"Leider dürfen wir nur nach Süden wegfliegen. In Richtung Düsseldorf geht gar nichts, da ist die Einflugschneise der großen Jets", erklärt Jürgen Seidel. Schade eigentlich, die Neusser Innenstadt und die Erftmündung hätte ich gerne mal von oben gesehen. Also gen Süden soll es gehen, der Kölner Dom und die Eifel sind ja auch nicht zu missachten. Schließlich kann ein Segler bei guten Bedingungen richtig weite Flüge absolvieren. 700 Kilometer sind durchaus drin. Ich blicke nach unten, in den Fußraum. Dort kann ich die Fußpedalen sehen, mit denen Jürgen Seidel die Seitenruder bedient. Die sind jetzt ständig in Bewegung, immer wieder muss der Hobbypilot korrigieren, Luftlöcher ausgleichen, den Segler auf Kurs halten. Segeln ist jede Menge Arbeit, eine Streckenflug zehrt richtig an den Kräften.

"Ich mach' so etwas nicht. Mir reicht es voll und ganz, wenn ich hoch komme und die tolle Aussicht genießen kann", meint Jürgen Seidel. Also wahrscheinlich doch kein Eifelüberflug. Macht nichts, denn auch so ist der Ausblick aus dem Cockpit überwältigend. Wir hüpfen weiter, zum nächsten Kraftwerk. Segeln im Rhein-Kreis könnte auch Kühlturm-Hopping heißen. Der Höhenmesser zeigt knapp 1000 Meter, der Körper bekommt den Aufstieg gar nicht mit.

Neben uns kreist eine Möwe in der Thermik. "Die haben einen Sinn dafür, wissen genau, wie hoch sie sind", weiß Seidel. Neben mir am Plexiglas des Kabinendachs hat es sich eine dicke Hummel gemütlich gemacht. Direkt nach dem Start war sie noch aufgeregt umhergesummt, offensichtlich genießt sie mittlerweile den kostenlosen Flug. Den Fallschirm, den mir Ulrich Schulze vor einer halben Stunde angelegt hat, habe ich fast vergessen. Gut so.

Es hat etwas majestätisches, dieses Segelfliegen. Fast lautlos gleiten wir dahin, was soll schon passieren? Vor klassischen Notlandungen sind Segelflugzeuge eigentlich gefeit. Und geht einem tatsächlich die Luft aus, muss eben ein Acker als Landebahn herhalten. "Das ist nur etwas nervig, weil dann irgendjemand kommen muss, um uns wieder einzusammeln", sagt Seidel.

Richtige Unfälle hat der Grevenbroicher Verein noch nicht zu verzeichnen. "Bis jetzt gab es nur Materialschäden - und die sind alle am Boden passiert", macht Club-Präsident Ulrich Schulze deutlich. Kann denn jeder fliegen? "Großes Talent braucht man nicht. Seine fünf Sinne zusammen halten, dass reicht", so Fluglehrer Walter Kirchner. Bereits nach 36 Starts könne man seinen ersten Alleinflug schaffen. Der schlechteste Schüler habe mal 150 Starts gebraucht, auch wenn Kirchner über diesen ganz besonderen Fall lieber Stillschweigen bewahren will.

Ich kann mich über meinen Piloten wahrlich nicht beschweren. Fast schon rührend, wie er sich um mein Wohlbefinden sorgt. Große Sorgen, dass mir richtig schlecht werden könnte, muss er sich aber nicht mehr machen. Denn am dritten Kraftwerk ist plötzlich Schluss. Jürgen Seidel findet einfach keine Thermik mehr.

Er flucht jetzt ein bisschen, denn weit über uns kreist ein erfolgreicherer Vereinskamerad mit seinem weißen Vogel. "Das gibt's doch nicht. Jetzt eiern wir hier rum und sacken immer weiter ab." Was folgt ist der geordnete Rückzug. In einem weiten Schwung über die Überreste von Otzenrath setzten wir zur Landung an. Noch einmal poltert es ganz gewaltig, als das kleine Flugzeug über die Piste schießt. Wer hat bloß Langsamkeit und Segeln in eine Verbindung gesetzt?

(NGZ)