Erkrath: Eine Kümmerin für Behinderte

Erkrath : Eine Kümmerin für Behinderte

Marion Kremerius ist seit Februar Behindertenbeauftragte der Stadt Erkrath. Für sie gibt es noch viel zu tun.

Als neue Behindertenbeauftragte der Stadt Erkrath muss sich Marion Kremerius noch einarbeiten: Welche Vereine gibt, welche Einrichtungen, welche Unterstützung. Das Thema selbst beschäftigt die Mutter einer behinderten Tochter dagegen schon lange. Seit elf Jahren ist Marion Kremerius in der Multiple Sklerose Selbsthilfe aktiv, die größte Behindertengruppe in Erkrath. Ihr ist es wichtig, die Mitglieder zu ermuntern, nach draußen zu gehen. "Wir gehen beispielsweise regelmäßig gemeinsam ins Theater", sagt Kremerius. Auch wenn das für manche einen großen Aufwand bedeutet.

20 Jahre lang hat Marion Kremerius als Programmiererin und Statistikerin bei einer Landesbehörde gearbeitet. Sie war als ehrenamtliche Sozialrichterin tätig und hat ein Psychologiestudium abgeschlossen. "Ich war immer aktiv", sagt sie und das beinhaltet den Einsatz für andere. Als Behindertenbeauftragte will sie erst einmal sammeln, woran es in der Stadt knappst. Dazu hat sie regelmäßige Sprechstunden für Betroffene eingerichtet, und zwar in allen drei Erkrather Stadtteilen. Und da fingen die Probleme schon an. Denn ihre Sprechstunde möchte Kremerius in Räumen anbieten, die auch Behinderte mit Rollstuhl besuchen können. Auf der Suche nach den Standorten hat sie festgestellt: "Unterfeldhaus ist eine Katastrophe". Inzwischen hat Kremerius jedoch Unterschlupf im dortigen Jugendcafé gefunden.

Ein großes Thema sind für Marion Kremerius die öffentlichen Toiletten. Wenn sie mit ihrer Gruppe Theatervorstellungen in der Stadthalle besucht, ist das kein Thema. Auch wenn viele die Stadthalle als nicht mehr zeitgemäß erachteten, behindertengerecht jedenfalls sei sie. "Alles ist ebenerdig und auch die Toilette kann von Behinderten benutzt werden." Doch sonst gebe es derzeit kaum Möglichkeiten für Rollstuhlfahrer, ein stilles Örtchen zu finden. Das gelte übrigens auch für Schulen. Da werde über Inklusion gesprochen und nachgedacht, doch die Voraussetzungen wären nicht gegeben. "Nur an der Realschule gibt es bisher eine Behindertentoilette", sagt Kremerius. Dabei müsste es ja nicht immer gleich die große Lösung nach DIN-Norm sein. "Als Erstes würde es auch eine Notlösung tun."

Deshalb ist es der Behindertenbeauftragten wichtig, erst einmal den Blick zu schärfen. Laut Satzung soll sie bei öffentlichen Neubauvorhaben zurate gezogen werden. Dann könnte sie auf die Dinge hinweisen, die Nicht-Behinderte oft schlichtweg übersehen. "Meist ist das gar keine böse Absicht, sondern nur fehlende Erfahrung." Oder auch Gedankenlosigkeit. Wie bei Autofahrern, die "nur mal kurz" auf einem Behindertenparkplatz parken. "Auch kurz ist schon zu lang", sagt Kremerius. Denn wer einen Rollstuhl benutzt, braucht mehr Platz, um ihn aus dem Auto zu hieven.

Überhaupt stellt Kremerius immer wieder fest, dass der natürliche Umgang mit Behinderten noch nicht in der Gesellschaft angekommen ist. Auf ihre Anregung hatte der Rat der Stadt Geld für ein inklusives Malbuch für Kindergärten und Grundschulen zur Verfügung gestellt, das in der Stadt Salzburg für großes Lob gesorgt hatte. Einzige Bedingung des Erkrather Stadtrats: 50 Prozent der Erkrather Grundschulen sollten das Buch anfordern. Das Interesse lag bei Null. Doch nicht die Absage an sich hat Marion Kremerius getroffen, sondern die Begründung, dass man Rollstühle doch nicht ausmalen könne. "Doch, das kann man", sagt Kremerius, zumindest dann, wenn man es mit der Inklusion Ernst nehme und Rollstühle etwas Selbstverständliches seien.

Bis sich ihr Leitsatz "Alle Menschen sind verschieden, gehören aber dennoch zusammen", einmal erfüllt, dürfte es noch einige Überzeugungskraft kosten. Wie es gehen könnte, zeigen beispielsweise die Niederlande. Dorthin fährt die MS Gruppe von Marion Kremerius einmal im Jahr zu einem gemeinsamen Wochenende. Der Aufenthalt dort ist für Behinderte nie ein Problem. Diesmal geht es erstmals sogar in ein Pflegehotel, wo alles auf die Bedürfnisse von behinderten Menschen abgestimmt ist.

(RP)