Dormagen: Wenn Eltern nicht mehr weiter wissen

Dormagen: Wenn Eltern nicht mehr weiter wissen

Seit zehn Jahren bietet das Jugendamt eine Hilfsgruppe für Eltern pubertierender Kinder an. Mit großem Erfolg.

Streitigkeiten in der Familie sind normal, erst recht wenn es in der Pubertät für Jugendliche darum geht, ihren eigenen Weg zu finden. Aber wenn die Probleme überhand nehmen, Kinder einfach nicht mehr zur Schule gehen, Gewalt anwenden, Ess-Störungen haben, Drogen nehmen und völlig unerreichbar sind, stehen die Eltern vor unlösbaren Schwierigkeiten. Seit zehn Jahren gibt es eine spezielle Beratungsgruppe für hilflose Eltern, die allein nicht mehr weiter wissen: "Damit stärken wir die Eltern - und dadurch die ganze Familie", erklärt Martina Hermann-Biert, Leiterin des Fachbereiches Kinder, Jugend, Familien, Schule und Soziales der Stadt Dormagen,

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Vor zehn Jahren hatten sich die Anzahl von Eltern gehäuft, die nicht mehr mit ihren Kindern klar gekommen waren. "Daher haben wir gemeinsam nach Auswegen gesucht und das Konzept für die Gruppenberatung erstellt", erklärt Hermann-Biert. Dadurch, dass mit dieser speziellen Form späteres Eingreifen des Jugendamts und andere Maßnahmen wie "eine Heimunterbringung verhindert worden sind, hat diese Gruppe der Stadt viele Kosten erspart", ist sich Hermann-Biert sicher: "Ich bin sehr stolz darauf, dass in Dormagen mit diesem außergewöhnlichen Projekt erneut Familien gestärkt werden."

Der Erzieher und Familientherapeut Dieter Schenk (61) aus Frechen trifft sich einmal die Woche, unterstützt von einem Kollegen aus seinem Jugendhilfe-Unternehmen, mit den betroffenen Eltern im Schümmerhof in Horrem. "Für die meisten Eltern ist es schon sehr erleichternd, in dieser Gruppe festzustellen, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind. Viele denken ja, dass überall die Erziehung super funktioniert, nur bei ihnen nicht", berichtet der Vater von zwei erwachsenen Kindern. Daher kämen sie oft voller Scham, Schuldgefühle und ohne Selbstbewusstsein zum ersten Treffen. "Das ändert sich schnell", weiß Dieter Schenk. Eltern geben sich gegenseitig Tipps und bestärken sich, erzählen von ihren Gefühlen und den Reaktionen der Teenager - das hilft auch den anderen Eltern: "In dieser vertrauensvollen Umgebung stützen sich die Eltern gegenseitig, so dass wir mit ihnen die nächsten Schritte besprechen können." Niemand werde gezwungen, auf bestimmte Art zu erziehen oder reagieren, wie Schenk erläutert: "Wir stellen den Eltern mehrere Handlungsweisen vor, aus denen sie das für sie Passende auswählen - Regeln, die auf alle passen, gibt es nicht." Meist nehmen die Therapeuten Kontakt zu den Jugendlichen und anderen Familienmitgliedern auf. Im Notfall können die Eltern die Therapeuten anrufen.

Im Schnitt nehmen die Eltern etwa ein bis anderthalb Jahre an den Gruppentreffen teil, manchmal aber auch länger. Der Auftrag und die Teilnahme erfolgt über das Dormagener Jugendamt, das bei Bedarf an die Gruppe vermittelt.

Hoffnungslose Fälle gibt es für Dieter Schenk nicht, wie er berichtet: Einen Schulschwänzer, der sich im Keller verkrochen hatte und nur nachts an den Kühlschrank ging, um sich Essen zu holen, brachte er mit langem Atem dazu, wieder zur Schule zu gehen: "Wir haben morgens dafür gesorgt, dass es ungemütlich wurde", erinnert er sich daran, dass auch die Kellerzimmer-Tür ausgehängt wurde.

(NGZ)