Lokalsport: Dormagener sind noch nicht reif, um ein Spitzenteam zu sein

Lokalsport: Dormagener sind noch nicht reif, um ein Spitzenteam zu sein

3. Handball-Liga West: Trotz dominanter erster Halbzeit unterliegt TSV Bayer 36:38 in Leichlingen und muss nun um Platz zwei zittern.

Es gibt Weisheiten im Sport, die sind unumstößlich, auch wenn sie mitunter banal klingen. "Never change a winning team" ist so eine. 23:19 führte der TSV Bayer Dormagen am Freitagabend, als er sich im Leichlinger Ostermann-Forum zur Halbzeitpause in die Kabine zurückzog. In einem wilden Spitzenspiel der 3. Handball-Liga West, in dem beide Kontrahenten hohes Risiko und ebenso hohes Tempo gingen, waren die Gäste vor 524 Zuschauern dominierend - und mindestens um diese vier Tore besser gewesen als der Leichlinger TV.

Als die Dormagener eine Viertelstunde später aus der Kabine kamen, war davon nichts mehr zu sehen. Warum Ulli Kriebel die bis dahin offensiv bis zur Schmerzgrenze ausgerichtete Deckung zurücknahm, warum er den bis dahin nicht überragend, aber immerhin leidlich gut haltenden Matthias Broy zwischen den Torpfosten durch Janis Boieck und Alexander Kübler am Kreis durch Lars Jagieniak ersetzte, diese Fragen wird sich der Trainer des TSV Bayer beim Videostudium der Partie vielleicht selbst stellen.

Fakt ist: Sechs Minuten nach Wiederanpfiff hatten die Hausherren fünf, die Dormagener keinen Treffer erzielt. Und den beim 24:23 (36.) erstmals erkämpften Vorsprung ließ sich der LTV nicht mehr nehmen, ja, baute ihn zwischenzeitlich bis auf fünf Tore (32:27, 48.) aus. Trotzdem hatten die Gäste gegen die immer müder werdenden Blütenstädter die Chance, zumindest einen Punkt mit über den Rhein zu nehmen. Doch immer, wenn sie die Möglichkeit hatten, heran zu kommen oder gar auszugleichen, scheiterten sie an Mattis Stecken. Der Leichlinger Torhüter hatte in der Anfangsviertelstunde überhaupt keinen Ball zu fassen bekommen und war folgerichtig durch Carsten Mundhenk ersetzt worden. Im zweiten Durchgang zog Stecken den Dormagenern dann mit 13 Paraden innerhalb vondreißig Minuten den Zahn. Doch die erste Niederlage seit dem 15. Oktober (21:25 gegen den TuS Ferndorf) hatte sich der TSV Bayer ganz allein selbst zuzuschreiben. "Wir haben nicht mehr richtig an uns geglaubt", sagte Ulli Kriebel mit Blick auf die Phase nach der Pause, als die Partie kippte. Die entscheidende Frage, die auch er sich stellen muss, lautet: warum? Warum gibt ein Team, das mit der Bilanz von zwölf Spielen ohne Niederlage in Folge angereist kommt, das bis dahin die bessere Mannschaft ist und dessen 100 mitgereiste Fans die Halle akustisch beherrschen, den Glauben an die eigene Stärke auf und das Spiel aus der Hand?

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Eine mögliche Antwort: Weil den Bayer-Handballern die Sicherheit fehlt. Die Leichlinger spielten ihren "Stiefel" einfach 'runter, egal, wie es stand, egal, wie die Gäste deckten. Die Dormagener haben gar keinen "Stiefel", den sie 'runterspielen können. Sie warten in jeder Partie mit einer neuen Taktik, einem neuen Spielsystem auf: Gegen Schalksmühle starteten sie mit einer total offensiven Deckungsformation und schalteten dann auf eine 6:0-Abwehr um. Gegen Krefeld begannen sie vollkommen defensiv, um am Ende jene "Indianerdeckung" zu praktizieren, mit der sie in Leichlingen wiederum starteten. Die sie dann aber genau in jener Phase einstellten, in der Handballspiele häufig kippen - den ersten Minuten nach der Pause.

Taktische Flexibilität kann eine große Stärke sein. Dann nämlich, wenn eine Mannschaft die verschiedenen Systeme wie im Traum beherrscht. Das tun die Dormagener nicht, das können sie auch gar nicht, weil der Kader dafür viel zu jung und zu unausgeglichen besetzt ist. So führt der vermeintliche Vorteil zur Verunsicherung - zwei Wechselfehler sprechen Bände - und lässt jetzt auch noch Platz zwei in Gefahr geraten, schließlich liegen die Leichlinger nur noch einen Zähler zurück. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn für eine mögliche Aufstiegsrunde, geschweige denn für einen Aufstieg sind die Dormagener einfach noch nicht reif genug,

(NGZ)
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