Kleve: Priester schickt Jugendlichem Tausende Nachrichten

"Hab' dich unendlich doll lieb": Klever Priester schickt Tausende Nachrichten an Jugendlichen

Ein Klever Priester hat fast zwei Jahre lang Whatsapp-Nachrichten mit einem Minderjährigen ausgetauscht. Auch über die Beziehung zu einer Frau schrieb er dem Jugendlichen. Das katholische Bistum Münster stuft die Vorfälle als "unangemessenes Kommunikationsverhalten" ein.

Der katholische Priester einer Klever Gemeinde ist ein Mann des Wortes. Im Ort heißt es: "Predigen kann der." Seit 14 Jahren ist er der leitende Geistliche der Gemeinde mit ihren 7600 Katholiken. Doch seine letzte Botschaft verkündet der Pfarrer auf der Kanzel nicht selbst. Die Nachricht kommt für die Gläubigen wie aus heiterem Himmel. Übers Wochenende ist ihr Pfarrer zurückgetreten und von allen Aufgaben entpflichtet worden.

In dem Brief, der in den Gottesdiensten verlesen wird, heißt es: "Ich lasse Ihnen heute mitteilen, dass ich unseren Bischof kurzfristig gebeten habe, mich von meinen Aufgaben als Pfarrer (...) zu entpflichten. Der Bischof hat dem entsprochen. Das kommt für Sie vielleicht überraschend. Ich bin mir aber in den letzten Tagen klar geworden, dass ich eine Auszeit brauche, um persönliche Dinge zu klären." Das Schreiben endet mit: "Ihnen allen und der Pfarrei wünsche ich alles Gute und Gottes Segen."

Unzählige Chat-Nachrichten

Als Grund für die Entpflichtung, um die der Pfarrer gebeten hatte, nennt das Bistum Münster ein "unangemessenes Kommunikationsverhalten" des Geistlichen zu einem Jugendlichen. Der Priester hatte über Whatsapp, einen Kurznachrichtendienst fürs Handy, Kontakt zu einem 16-Jährigen. "Wir sind zu der Auffassung gekommen, dass dies mit seiner Rolle als Pfarrer nicht zu vereinbaren ist", sagt ein Sprecher des Bistums. Er betont, dass nichts strafrechtlich Relevantes geschrieben worden sei und es sich bei den Kontakten nicht um sexuelle Belästigung handele. "In dem Fall geht es allein um die Frage von Nähe und Distanz." Wie der Klever Oberstaatsanwalt Günter Neifer auf Anfrage unserer Redaktion bestätigte, ist in dem Fall eine Strafanzeige eingegangen, die derzeit geprüft werde.

Wie nah der Pfarrer dem Minderjährigen war, lässt sich an Zahlen erkennen: Der Ausdruck des Chatverlaufs (liegt der Redaktion komplett vor) umfasst mehr als 3000 Din-A4-Seiten. Die Nachrichten wurden nach Angaben des Jungen, und wie an den Zeitangaben der Nachrichten zu erkennen ist, in einem Zeitraum vom 14. Februar 2016, damals war der Jugendliche noch 15 Jahre alt, bis zum 22. Dezember 2017 von ihm und dem Pfarrer geschrieben.

"Unangemessenes Kommunikationsverhalten"

Dem Bistum Münster liegt der komplette Chatverlauf vor. Zunächst, so die Schilderung der Eltern des Jungen, wollte das Bistum als offiziellen Grund für den plötzlichen Rücktritt ein Burn-out-Syndrom des Geistlichen angeben. Erst nachdem die Eltern des Jugendlichen energisch gegen eine solche Darstellung protestiert hatten, habe sich die Diözese - mit Zustimmung von Bischof Felix Genn - für die nebulöse Formulierung "unangemessenes Kommunikationsverhalten" entschieden. In einem zweistündigen Gespräch mit unserer Redaktion in dem Büro seines Anwalts erklärt der 48-jährige Priester, dass der Bischof ihm nahegelegt habe, um seine Entpflichtung zu bitten. Das Bistum hatte daraufhin den Abschiedsbrief an die Gemeinde formuliert. "Aber das ist nichts Besonderes, das ist der übliche Weg", sagt der Geistliche.

Was in den Nachrichten steht, dazu wollte sich der Sprecher der Diözese nicht äußern. Sie enthalten Details über das Leben eines Geistlichen, der 14 Jahre lang als Seelsorger in der Klever Pfarre wirkte und erst 2016 Dechant des Dekanats Kleve wurde.

Die Geschichte mit dem Jungen - sie beginnt harmlos. Der damals 15-Jährige engagiert sich stark in der Gemeinde, ist Messdiener und in die Jugendarbeit eingebunden. Der Priester lobt ihn regelmäßig dafür. Irgendwann gehen die beiden zusammen Pizza essen. Das Verhältnis wird intensiver, der Jugendliche ist stolz darauf, den Würdenträger so gut zu kennen. Doch dabei bleibt es nicht: Der Pastor will eine immer engere Verbindung. Zunächst sind es nur Komplimente, dann schreibt er irgendwann per Whatsapp auch über seine Gefühle. Der Junge sei der wichtigste Mensch in seinem Leben, er solle ihn nicht verlassen. Er habe ihn nämlich "unendlich doll lieb!". Der Pfarrer selbst hält den Austausch nicht für eine Liebesbeziehung. Auf die Frage, ob er in den Jungen verliebt gewesen sei, sagt er: "Es war eine sehr große Vertrautheit, keine Beziehung, schon gar kein Liebesverhältnis."

Mehr als 100 Nachrichten am Tag

Allerdings gibt der Geistliche heute zu: "Sicherlich, in einigen Situationen sind bei mir die Warnlampen zu spät angegangen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Gespräche den Jungen belasten."

Der Junge beginnt dies anders zu empfinden. Der Priester selbst spricht in den Nachrichten an, dass er die Minderjährigkeit des Jungen als problematisch ansieht. Auch dafür hat er heute eine Erklärung: "Es ging allein darum, das Gerede von Dritten zu vermeiden, die darin zu viel hineininterpretieren." Sie schreiben sich zum Teil mehr als 100 Nachrichten am Tag. Immer wieder betont der Geistliche, wie sehr er den Jungen braucht. Zunächst erwidert dieser die Sympathiebekundungen per Chat.

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Der Pfarrer wusste, wie sensibel er mit Kontakten zu Minderjährigen umgehen muss. Regelmäßig werden die Kleriker des Bistums Münster in Präventionsschulungen über dieses Thema informiert. Auch müssen sie Selbstverpflichtungserklärungen unterschreiben. In denen heißt es unter anderem: "Ich respektiere die Intimsphäre und die persönlichen Grenzen der Scham der mir anvertrauten Mädchen und Jungen (...). Ich beachte dies auch im Umgang mit den Medien, insbesondere bei der Nutzung von Handy und Internet." Auch der Klever Glaubensmann hatte diese Erklärung unterschrieben.

Die Kirche war sein Hobby

Die vielen Stunden, die ihr Sohn in der Gemeinde verbrachte, und der intensive Kontakt zum Pastor störten die Mutter des 16-Jährigen nicht. Sie freute sich, dass ihr Sohn am Leben in der Pfarre teilnahm. So kümmerte er sich unter anderem um die Technik in den Gottesdiensten, begleitete Firmgruppen und sprang auch immer wieder ein, wenn irgendwo Messdiener fehlten. Die Kirche war sein Hobby, und mit dem Priester verstand er sich sehr gut. Die Mutter wähnte ihren Sohn in der Pfarre gut aufgehoben. "Wenn wir uns gelegentlich getroffen haben, habe ich häufig gefragt, ob seine Mutter davon weiß. Das hat er stets bejaht", sagt der Geistliche.

Irgendwann beginnt er damit, den Minderjährigen auch mit Problemen zu belasten, die er mit sich und seinem Priesteramt hat. Etliche Male klagt er darüber, dass er "immer für alle da sein muss". Seine Obliegenheiten als Pfarrer sind regelmäßig Thema. "Ich werde wahnsinnig, die nächste große Beerdigung", schreibt er. Er wirkt überlastet, erzählt dem Jungen, dass ihm Familie fehle.

In seinen Whatsapp-Mitteilungen an den Jugendlichen berichtet der Priester auch, dass er einmal für ein Leben mit einer Frau seinen Beruf aufgeben wollte, leitet persönliche Nachrichten dieser Frau an den Jungen weiter. Auch darin sieht er keine Grenzüberschreitung: "Wir hatten eben ein sehr enges Vertrauensverhältnis." An mehreren Stellen lässt er sich über das Gemeindeleben aus, kritisiert andere Priester oder Mitarbeiter der Pfarrgemeinde.

"Sonst heißt es noch Missbrauch"

Über Monate verstehen sich die beiden gut. Sie chatten viel und treffen sich gelegentlich. Auch im Pfarrhaus. Dann verändert sich die Gefühlslage des inzwischen 16-Jährigen. Der Jugendliche hält den größer werdenden Druck immer weniger aus. Er hat eine Freundin. Der Pfarrer versucht, so meint der Jugendliche, die Beziehung zu zerstören, wirft die Freundin einmal aus dem Gottesdienst.

Der Junge wendet sich immer mehr von dem Priester ab. Der verspricht dann, dass er ihn nicht mehr bedrängen will, denn: "Sonst heißt es noch Missbrauch." In einer Nachricht lässt der Geistliche erkennen, dass der Kontakt einen Regelverstoß darstellen könnte: "aber wenn es nach den Missbrauchsregeln geht, dürften wir keine Freunde sein..." Bezogen habe er sich dabei aber darauf, so der Geistliche im Gespräch mit unserer Zeitung, dass Dritte etwas hineininterpretieren könnten.

Ende 2017 kommt der 16-Jährige mit der Situation nicht mehr klar. Er sucht Hilfe bei einem anderen Seelsorger in der Gemeinde, der sich zusammen mit zwei weiteren Mitarbeitern der Pfarre berät. Schnell fällt die Entscheidung, den Fall Münster zu melden. Der Präventionsbeauftragte des Bistums erhält am 29. Dezember 2017 den 3000 Seiten umfassenden Chatverlauf. Gleich am nächsten Tag meldet er sich, denn es sei dringender Handlungsbedarf gegeben.

Anfang Januar wird der Klever Priester nach Münster einbestellt. Das Ergebnis des Gesprächs ist, dass ihm die Bitte um Entpflichtung nahegelegt wird. Zusätzlich wird dem Geistlichen ein Kontaktverbot zu dem Jugendlichen erteilt. Für die Bistumsleitung ist der Fall jedoch noch nicht erledigt. Auch wenn ein Bistumssprecher am Donnerstag erneut betonte, dass nichts strafrechtlich Relevantes in den Chats stehe.

Geschadet hat das "unangemessene Kommunikationsverhalten" dem Jungen dennoch. Dem 16-Jährigen geht es schlecht, er ist in psychiatrischer Behandlung, und der Geistliche muss ein paar persönliche Dinge klären.

Das katholische Bistum Münster hat am Samstag auf unsere Berichterstattung reagiert und Stellung bezogen. Diese können Sie in ungekürzter Fassung hier nachlesen.

(Jan / SW)