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Verlängerung der Saison am Chiemsee

Chiemsee : Der „Kini“ und die Lederhose

Am Chiemsee ist eine Verlängerung der Saison geplant. Durch die Krise entgangene Urlaubschancen werden wieder möglich, um die Kontraste zwischen traditionellem Handwerk, Schlossbesichtigungen und Naturerfahrungen erlebbar zu machen.

Scheinbar mühelos durchsticht die Nadel den festen Stoff, um dem aufgezeichneten Edelweiß Struktur zu geben. Traudi Messerer, Hosenträgerstickerin in Prien, widmet sich mit Schwiegervater Josef dem Teil der Tracht, welche die Lederhose an Ort und Stelle hält, den Hosenträgern. Nun ist Hosenträger nicht gleich Hosenträger. Als besonderes Schmuckstück fällt besonders der Steg auf der Männerbrust ins Auge.

Und dieses Teil wird von Traudi kunstvoll bestickt. Als Grundmaterial verwendet sie zwei Stofflagen, die mit „Mehlpapp“, einem Gemisch aus feingemahlenem Roggenmehl und Wasser als Klebstoff verbunden werden. „Der ist viel elastischer als irgendein chemischer Leim“, verrät sie das Geheimnis. Sie macht einen entspannten Eindruck, während die Nadel fast von selbst die Arbeit verrichtet. Neben dem Arbeitsaufwand für eine große Familie vermieten die Messerers noch Gästezimmer, und drei Schafe wollen auch gemolken und versorgt werden.

Gerne erzählt Traudi, wie sie zu ihrem „Hobby“ kam: Sie haben die Tradition von einem befreundeten Säcklermeister, das ist ein Lederhosenhersteller, nach seinem Tod übernommen. Das Nähen der Muster ist nur einer von vielen Arbeitsgängen. Schwiegervater Josef bearbeitet die Lederriemen. Er unterlegt sie mit weichem Schweinsleder, stanzt Muster aus. Selbst Führungslaschen für die Träger sind handgefertigt. Sie dürfen nicht zu groß sein, sonst rutscht das Ganze. Werkzeug und Zubehör sind eigenhändig für diese speziellen Arbeiten hergestellt. „Für’s Sticken vom Steg brauch i 25 Stunda“, schätzt Traudi. Für das Einpassen von König Ludwigs Konterfei benötigt Josef ungefähr drei. Insgesamt kommt man bestimmt auf 40 Arbeitsstunden. Dafür ist der Preis von etwa 300 Euro für solch eine Handarbeit viel zu wenig. Tracht ist gerade in. Keiner weiß wie lange das so bleibt. Ob der bayrische König, der den Spitznamen „Kini“ hat, selbst jemals eine Lederhose getragen hat ist nirgends vermerkt.

„Die san für meine Enkel.“ Josef zeigt stolz die mit Pfauenfedern bestickten Beutel. Fein aufgespleist ergeben die Kiele weiche Fäden, die als Stickmaterial verwendet werden. Der Ledererhof, wo die Traudi und der Josef daheim sind, liegt nur wenige Gehminuten von Priens Stadtmitte entfernt.

Der Kneipp- und Luftkurort ist idealer Ausgangsort zur Erkundung der Gegend rund um den Chiemsee im südlichen Bayern. Auch das Heimatmuseum sollte nach überstandener Corona-Schließzeit bald wieder öffnen. Dort kann das Verständnis für Traditionen und regionale Kultur vertieft werden, wenn nicht gerade Kaiserwetter zu Aktivitäten in der hügeligen Uferlandschaft verleitet. Auf verschlungenen Wegen, zwischen Schilf, Parks und entlang der Wasserlinie sind Radler und Wanderer unterwegs, vorbei an Stationen, die auch aus dem Leben des „Kini“ erzählen. Verträumte Buchten laden zum Verweilen ein. Von Prien aus geht es auch mit der „Gertrude“ auf die Insel Herrenchiemsee zur Besichtigung des pompösen Schlossbaues. „Seine Majestät sind für die hiesige Gegend sowohl als für den See nicht eingenommen und hätten für beide keine Vorliebe, die Kunst alleine müsse dieses Unangenehme angenehm machen, und Gegend und See vergessen machen.“ So wird in den Chroniken sein damaliger Lakai zitiert.

Die Insel im Chiemsee war zweite Wahl, wo der glücklose König seinen Traum: das Schloss von Versailles nachzubauen, zu verwirklichen gedachte. Es stellte sich heraus: Für das umfangreiche Bauvorhaben war das zunächst vorgesehene Gebirgstal viel zu eng. Schließlich entstand dort nur „Schloss Linderhof“. Die isolierte Lage auf einer Insel überzeugte Ludwig II. schließlich. Angeblich gab er soviel Geld aus wie für Schloss Linderhof und Neuschwanstein zusammen, nämlich ungefähr 16,6 Millionen Mark. Für die Innenräume von Herrenchiemsee wurden 4,5 Kilogramm Blattgold verarbeitet. Ludwigs wachsende Unlust an Regierungsgeschäften und die ständig steigenden Kosten erregten den Unmut der bayrischen Regierung. Die erklärte ihn kurzerhand für nicht regierungsfähig. Bis heute ist das Geheimnis um seinen Tod im Starnberger See nicht gelüftet.

Beschaulicher verläuft das Leben auf der benachbarten Insel Frauenchiemsee. Gerade mal 300 Meter breit und 600 Meter lang bietet sie Besuchern, die im 1000 Jahre alten Benediktiner-Kloster Rückzugsmöglichkeiten suchen, ideale Bedingungen. Wen wundert es, dass auch Künstler des 19. Jahrhunderts, wie heute, in der Idylle des Fischerdorfes kreativ arbeiten konnten.

„Wann geht’s denn endlich los?“ Leonie, der jüngste Fahrgast, kann es nicht mehr erwarten. Mit ihren Eltern hat sie es sich auf der Holzbank in der Kutsche bequem gemacht. Doch der Kutscher beim Sepp´n-Bauer kontrolliert seine Noriker noch ein letztes Mal: Sitzt jeder Gurt richtig, funktioniert die Bremse. Auch die Pferde werden ungeduldig. Dann ein leichter Knall mit der Peitsche und die Kutsche setzt sich in Bewegung. Mühelos traben die kräftigen „Bauernrösser“ mit ihrer Last los. Bequemer lässt sich die Gegend um Bernau nicht erkunden. Gemütlich zuckelt das Gefährt durch die weitläufige Moorlandschaft. Südlich des 544 Meter hoch gelegenen Ortes mit seinen im oberbayrischen Stil bemalten Häusern erstrecken sich die Chiemgauer Alpen, ein vorwiegend west-östlich verlaufender Bergrücken zwischen dem Inn und Bad Reichenhall. Kletterer erproben ihr Können an den zerklüfteten Felswänden aus Kalkstein. Weniger Abenteuerlustige lassen sich mit der Seilbahn auf den 1664 Meter hohen Berg bringen und machen sich zu Fuß auf den Weg ins Tal.

Noch ist es ruhig, rund um das „Bayrische Meer“. Nebelschwaden wabern über dem Wasser. Hin und wieder zeigt sich ein Boot mit einem Angler, der hoffnungsfroh seine Leinen auswirft. Der größte See Bayerns ist ein Überbleibsel der letzten Eiszeit. Hauptzufluss ist die Tiroler Ache, die aus ihrem Einzugsgebiet im Raum Kitzbühel große Mengen an Schwebstoffen in den See einbringt. Teilweise bleibt diese Fracht im Mündungsbereich liegen und schiebt das Delta immer weiter voran. Zurzeit wandert es ca. 25 Meter jährlich in den See. Diese Kleinteile werden einst das Aus für das Gewässer bedeuten. Doch noch hat es etwa 8000 Jahre vor sich, in denen sich die Menschen an dieser Landschaft erfreuen.

„Pst, hast du diesen Vogel gehört?“ Keine einfache Aufgabe für Vogelkundige, die schon zu früher Morgenstunde auf Stimmenfang im Feuchtgebiet unterwegs sind. Entlang der Tiroler Ache und dem Achendelta hat sich ein einmaliges Ökosystem gebildet. Viele vom Aussterben bedrohte Vogel-Arten und Pflanzen können hier beobachtet werden.

Der Wind bläst kräftig in das Segel, die Jolle gewinnt an Fahrt im silbrig glitzernden Wasser. Dann heißt es: „Alles klar zur Wende?“ Der Baum schwenkt auf die andere Seite. Mit ihm wechseln auch die Segler ihre Plätze. Die rasante Fahrt wird jetzt schräg gegen den Wind fortgesetzt. Bei der nächsten Flaute genießen sie das ruhige Dahingleiten in einer Landschaft, die alles bietet: See und Berge. Abstand halten auf 80 Quadratkilometern Wasserfläche dürfte hier kein Thema sein.