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Zugspitze vor 200 Jahren erstmals bestiegen

Zugspitze : Im siebten Himmel

Vor 200 Jahren wurde der höchste Gipfel Deutschlands erstmals bestiegen. Noch bis heute ist der Besuch der Zugspitze ein Erlebnis.

Jetzt gilt es: raus aus der Gemütlichkeit des Schlafsacks, rein in die Windjacke, raus ins Freie! Um kurz vor halb sechs schlüpft man in die Wanderschuhe und stiefelt vom Matratzenlager des Münchner Haus zur Aussichtsplattform. Es ist verdammt früh, doch trotzdem die beste Zeit. Weil er dann noch in sich ruht, der Berg – 2962 Meter hoch, vor 200 Jahren erstmals bestiegen, als Deutschland höchste Erhebung von jährlich einer halben Million Touristen besucht. Doch jetzt, in den Minuten vor Sonnenaufgang, ist die Zugspitze noch menschenleer.

Vor fast genau 200 Jahren stand erstmals ein Mensch auf dem höchsten Gipfel des Wettersteingebirges. Am 27. August 1820 wurde „die höchste Spitze des noch von keinem Menschen bestiegenen, so verschrienen Zugspitzes erreicht“, schrieb Leutnant Josef Naus in sein Tagebuch. Dem erst 27-Jährigen und seinen Begleitern war der Aufstieg erst nach einem Gewaltmarsch gelungen. Dabei scheint das Trio aber den Geist der Zugspitze aufgeschreckt zu haben, der – glaubt man den Legenden – die Form eines Riesenvogels annimmt und die Schafshirten mit Steinen bewirft, wenn er schlechte Laune hat. Offensichtlich war der Zugspitzgeist nicht begeistert, sein Reich nun mit Besuchern teilen zu müssen. Naus hatte nicht einmal die Zeit, eine Pyramide zu errichten: „Nach fünf Minuten wurden wir von einem Donnerwetter, mit Schauer und Schneegestöber begleitet, begrüßt, und mussten unter größten Gefahren die Höhe verlassen.“

Heute müssen Flachländer für einen Besuch der Zugspitze ihre Beine nicht mehr trainieren: Zahnradbahn und Seilbahnen können 6000 Menschen am Tag nach oben bringen, samt Kinderwägen, Rollstühlen und Schoßhündchen-Boxen. Dazu kommen die Wanderer, die auf einer der vier Routen aufsteigen. An guten Tagen blickt man von der Zugspitze 250 Kilometer weit auf 400 Gipfel: Kein anderer so leicht erreichbarer deutscher Gipfel hält mit dem 360-Grad-Panorama mit.

Acht Minuten und 47 Sekunden braucht die Seilbahn von der Talstation am Eibsee zur Bergstation auf der Zugspitze. Man schwebt in Riesenkabinen hinauf, und hat dank schlauer Extras wie einer Scheibenheizung selbst bei miesem Wetter eine ungetrübte Sicht. Wer sich dem Zauberberg aber mit mehr Muße nähern will, wandert auf der historischen Route durchs Reintal und nimmt sich dafür drei Tage Zeit. Weil ein paar kurze Fels- und Drahtseilpassagen überwunden werden müssen, sollte man aber trittsicher sein – und die Kondition für 2300 Höhenmeter Aufstieg mitbringen.

Vom Skistadion in Garmisch-Partenkirchen geht es die Partnach entlang: Hier zwängt sich das türkisgrüne Wasser des Gebirgsbachs durch eine Schlucht. Der Weg führt mitten durch die Klamm, bis man am Ende im Reintal wieder das Licht der Welt erblickt. Hier steht die Reintalangerhütte, wo tibetische Gebetsfahnen im Wind flattern und Hüttenwirt Andy Kiechle nicht nur selbst gebackenes Brot, sondern auch veganen Schokokuchen serviert.

Von dem wird der letzte Krümel vertilgt, als die Wanderer erfahren, dass das ganze Essen aufwändig per Helikopter eingeflogen werden muss. Die Gaststube ist urig, die Zimmer klein, doch Komfort erwartet hier niemand. Und die Nacht verläuft ruhig – anders als damals bei Josef Naus. Der klagte noch: „Übernachtet in der Hirtenhütte, von einer Menge Flöhe dargestellt gemartert, dass ich wachend am Feuer die halbe Nacht mit Tötung derselben zubringen musste.“

Am nächsten Tag geht es zum Quelltopf der Partnach, die mit Wucht aus dem Fels schießt, und durchs Brunntal steil bergan zur historischen Knorrhütte. Die wurde bereits 1855 erbaut, noch vor der offiziellen Gründung des Deutschen Alpenvereins. Wer sich hier die Beine vertreten will, der kann über den ebenen Plattsteig zum Gatterl wandern, ein Tor, das die Grenze zu Österreich markiert. Die meisten Wanderer aber genießen einfach den Blick von der Terrasse – und abends die Riesenportion Spaghetti, die man am nächsten Morgen für den Aufstieg braucht.

Drei Stunden lang geht es bergauf, erst durch Schotter, dann durch Schneefelder, schließlich über eine steile Flanke mit lockerem Geröll. Oben angekommen, empfängt einen plötzlich der geschäftige Trubel der Aussichtsplattform und das Geschnatter der vielen Besucher. Doch als Wanderer staunt man still darüber. Weil nach dem langen Aufstieg auf fast 3000 Metern die Atemluft ziemlich kostbar ist. Und weil einem angesichts des spektakulären Panoramas der Berge erstmal ohnehin die Worte fehlen.