Die Toten Hosen: "Tage wie diese": Deutschland hat ein neues Volkslied

Die Toten Hosen: "Tage wie diese": Deutschland hat ein neues Volkslied

Die aktuelle Single der Toten Hosen ist das Lied des Sommers. "Tage wie diese" liefert den Soundtrack zum gemeinschaftlichen Hochgefühl. Es eignet sich zur Beschallung von Volksfesten ebenso wie zur Feier eines Sieges bei der Fußball-EM. Nun steht es auf Platz eins der deutschen Charts.

Man kommt nicht vorbei an diesem Lied. Seit "Tage wie diese" von den Toten Hosen nach dem dramatischen Ende im Relegationsspiel des Fußballvereins Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC gespielt und ins Fernsehen übertragen wurde, hört man es bei jeder Gelegenheit, zu der Menschen feiern und sich verbrüdern. Bei Volksfesten ebenso wie bei der Ankunft des Pokalsiegers Borussia Dortmund in der Heimat, im ARD-Spot zur Fußball-EM und bei Junggesellen-Abschieden in der Kneipe. Es war die Geburtsstunde eines Hits.

Phänomenaler Aufstieg der Single

Der Song ist ein Phänomen. Er wurde bereits Ende März veröffentlicht, ausgeliefert in einem Cover, das einen Ausschnitt aus der Arbeit "May Day III" des Düsseldorfer Fotokünstlers Andreas Gursky zeigt. Die Single erreichte zunächst Platz drei der deutschen Charts, rutschte dann ab, und nun stieg sie von Fortuna Düsseldorf beflügelt auf Platz eins — darf also das Lieblingslied der Deutschen genannt werden. Musikalisch ist "Tage wie diese" eher Pur als Ramones; die Toten Hosen klingen nicht ruppig wie ihre Vorbilder, sondern ein bisschen klebrig. Eine Schlager-Hymne, die man auch betrunken mitsingen kann und in großer Gruppe. Wer das Stück auf dem Weg zur Arbeit im Radio hört, hat den ganzen Tag etwas davon: Ohrwurm, frisst sich ins Hirn, bleibt da, am Abend fühlt es sich krümelig an im Kopf. Man kann sich leicht über das Lied lustig machen, aber man muss zugeben: Es hat etwas, das einen packt. Der Kern leuchtet. Es wirkt.

Am ehesten begreift man die Wirkung dieser Musik mit dem Verweis auf einen Film, er heißt "Absolute Giganten". Wer ihn noch nicht gesehen hat, der sollte es rasch nachholen. Es gibt im deutschen Kino nichts Schöneres über die Freundschaft, den Aufbruch und die Lust an der Unvergänglichkeit des Augenblicks. Er handelt von Floyd, der raus will aus Hamburg, zum Kap der Guten Hoffnung. Nun verbringt er den letzten Abend mit seinen Jungs, sie trinken und flippern, und kurz bevor der Morgen graut, sagt Floyd dieses: "Es müsste immer Musik da sein. Bei allem, was du machst. Und wenn es so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. An der Stelle, wo es am allerschönsten ist, müsste die Platte springen — und du hörst immer nur diesen einen Moment."

Der Film ist schon älter, er wurde 1998 produziert, aber man kann sich gut vorstellen, dass das Lied, das dieser Floyd immer und immer wieder hören möchte, "Tage wie diese" ist, die aktuelle Single der Toten Hosen. Es geht ebenfalls ums Rumkumpeln und Losziehen, um eine Nacht, in der es Bier gibt.

Der Anfang ist noch reine Erwartung. Campino singt zur Gitarre, erst für den siebten Vers kommt das Schlagzeug hinzu. Campino dehnt einzelne Worte, "Uhrzeit" etwa und "warten", und man ahnt bereits, dass es gleich richtig losgeht. Die Perfidie dieses Lieds besteht in der kurzen Pause vor dem ersten Refrain, im Atemholen vor dem Kehrvers, dem Vorglühen. Mit Wucht folgen die entscheidenden Zeilen, unterstützt vom Bass und getragen von einem Chor reißen sie den Hörer mit, Gegenwehr zwecklos.

Man fällt kopfüber in dieses Lied, und je häufiger man es hört, desto mehr fühlt man sich geborgen. Die Musik hat Andreas "Kuddel" von Holst geschrieben, den Text Campino und die Schauspielerin Birgit Minichmayr, die Buhlschaft im Salzburger "Jedermann". Sie arbeitete schon am Album "In aller Stille" von 2008 mit, sang damals mit Campino im Duett. "Tage wie diese" erzählt von Freunden, sie machen sich auf, und ganz bewusst lassen die Strophen offen, was genau sie eigentlich tun. Das Lied schwebt knapp über der Gegenwart und dem Konkreten, man weiß lediglich, dass da etwas beginnt und nicht mehr aufhört und dass das Geschilderte vor 20 Jahren ebenso wahr gewesen ist, wie es das heute und übermorgen sein wird.

Ein Volkslied - universell einsetzbar

Die wichtigsten Begriffe sind "schwerelos" und "Unendlichkeit". Und wenn nun jemand meint, das sei doch alles sehr kitschig, dann hat er nie Arm in Arm mit Verbündeten in der Nacht der Nächte gesessen und sich gefühlt, als wiege er nur ein Gramm. Für diese Gelegenheit ist "Tage wie diese" das bestmögliche Lied: Hochspringen und nicht wieder aufkommen, oben bleiben und auf alle anderen heruntergucken. Genau genommen ist das nichts anderes als "So ein Tag" oder "Oh, wie ist das schön". Ein Volkslied, universell einsetzbar.

Diesem Lied gehört der Sommer, zur EM werden wir es täglich hören. Es könnte so sein wie in "Absolute Giganten" beschrieben; die Platte springt, kein Ende in Sicht. "Tage wie diese" kündet davon, wie es ist, sich auf etwas zu freuen und zum ersten Mal zu tun. Man erinnert sich, reist in seine Erlebnisse zurück, in den Echoraum des Bewusstseins. Diese Wirkung unterscheidet gute Popsongs von großen. "Tage wie diese" ist ein großer Popsong.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Toten Hosen stellen "Ballast der Repblik" vor

(RP/felt/das/top)
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