Düsseldorf: Die Stones kehren heim

Düsseldorf : Die Stones kehren heim

Diese herrliche Platte hört man nicht bloß, man fühlt sie, und das liegt an der Geschichte, die sie erzählt. Sie handelt von zwei Jungs, die sich 1961 am Bahnhof von Dartford trafen. Keith Richards war auf dem Weg ins Sidcup Art College in London, als er Mick Jagger auf dem Bahnsteig entdeckte. Der muss schon damals ein Faible für dramatisches Auftreten gehabt haben, auf seiner Fahrt zur London School Of Economics trug er jedenfalls einen auffällig gestreifen Schal. Richards erzählt diese Ur-Szene des Pop sehr liebevoll in seiner Autobiografie "Life", und er berichtet, dass er Jagger ansprach, obwohl der so widerlich gestriegelt ausgesehen habe. Jagger trug nämlich LPs unter dem Arm, es waren Blues-Platten, und Blues hörte Richards auch: "Hallo, ich bin Keith."

Die Stones haben nach elf Jahren Wartezeit ein neues Album veröffentlicht, es heißt "Blue & Lonesome", es ist ein Blues-Album und besteht aus Coverversionen der alten Helden Howlin' Wolf, Willie Dixon und Little Walter. Binnen drei Tagen spielten sie die Stücke ein, es ist das erste Album seit 1967, das komplett in London entstand, und weil Eric Clapton nebenan aufnahm, kam er hinzu und machte einfach mit.

Die Atmosphäre ist schwül wie am heißesten Tag des Sommers in Louisiana, und der Höhepunkt der Platte ist "All Of Your Love" von Magic Sam. Das Stück beginnt mit einem Juchzen Jaggers, der sich hier ohnehin verflixt gut anhört, und drückt sich dann langsam und körperwarm durch die Lautsprecher. Der Sound ist toll, körnig und roh, die Mundharmonika seufzt schwermütig und hofft auf ein Gewitter, nur das Piano ist gut drauf, und alles flirrt und glänzt dunkelgolden.

Die Platte ist eine Verneigung, und überhaupt sind die Stones ja immer ehrfürchtig mit dem Blues umgegangen, im Gegensatz zu Led Zeppelin, die ihn ausgeweidet haben. Die Stones kehren mit dieser passionierten Kumpel- und Herzensplatte heim in die Jugend, sie schließen einen Kreis. Wenn man das hört, seufzt man die ganze Zeit, denn das hier ist die Vollendung, das ist die Verwirklichung des alten Jungstraums, dass man nämlich Freundschaften wegen musikalischer Vorlieben gründet, und dass man die Welt erobert und sie verändert, und dabei nie alleine ist, weil man ja Musik hat und Freunde. Diese Platte ist der Beweis, dass es so etwas wie ewige Freundschaft tatsächlich gibt.

Mick und Keith, so wollen wir sie jetzt einfach mal nennen, weil sie in all den Jahren ja auch unsere Freunde geworden sind, Mick und Keith trafen damals alsbald Brian Jones und wurden eine Band. Bevor sie ihren ersten Auftritt hatten, rief Jones bei der Zeitschrift "Jazz News" an, um den Gig ankündigen zu lassen. Er wurde nach dem Namen der Band gefragt, aber darüber hatten die Jungs gar nicht gesprochen. Sein Blick fiel auf eine Single von Muddy Waters: Das erste Lied war "Rollin' Stone". Wie heißen sie denn nun, fragte die Dame am Apparat ungeduldig. "Rolling Stones."

Diese englischen Lümmel haben den Amerikanern den Blues in neuer Verpackung verkauft, und nun sind sie alt und kehren heim in den Blues, den Sound der alten Männer. Und damit entheben sie den Pop, der ja wie keine andere Kunstform an die Gegenwart gekoppelt ist, aller Zeitlichkeit und jeglicher Mode. Die Rolling Stones sind nicht mehr nur Musiker, sie schweben über allem, sie sind als Freunde ebenso bedeutend wie als Künstler. Nun haben sie das Größte geschafft: Sie haben die Zeit besiegt.

(hols)