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Die Ökonomin: Wahre und scheinbare Armut

Die Ökonomin : Wahre und scheinbare Armut

Die amtliche Armutsmessung führt zu paradoxen Resultaten: Zöge Bill Gates nach Deutschland, würde die Zahl der Armen hierzulande steigen.

Die amtlichen Armutsberichte zeichnen ein düsteres Bild: 15,8 Prozent der Deutschen sind arm oder von Armut bedroht, alarmierte uns vor wenigen Tagen das Statistische Bundesamt. Damit steht ausgerechnet das reiche Deutschland schlechter da als andere Länder. In Slowenien etwa sind nur 13 Prozent arm. Dabei ist die slowenische Wirtschaftskraft pro Kopf nur halb so groß wie die deutsche, und Slowenien gilt als nächster Pleite-Kandidat in Euro-Land.

Ein deutscher Skandal? Ein Anlass, sofort hohe Mindestlöhne und Mindestrenten einzuführen und diese mit einer hohen Steuer auf Vermögen zu finanzieren? Gemach.

Arm ist nicht gleich arm, sondern vor allem eine Frage der Definition. Und jene Definition, die die amtlichen Armutsmesser gerne verwenden, ist besonders fragwürdig. Laut EU-Festlegung ist arm oder von Armut bedroht, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Ein Single in Deutschland gilt demnach als arm, wenn er 952 Euro und weniger im Monat zur Verfügung hat. In Slowenien liegt dieser Wert nur bei 599 Euro. Die armen Deutschen wären in Slowenien wohl gemachte Leute.

Das Problem dieser Armutsmessung ist die Orientierung am mittleren Einkommen, dem Median. Das führt zu dem paradoxen Ergebnis, dass die Zahl der Armen in einem Land steigt, sobald ein Milliardär einwandert. Zieht etwa Bill Gates nach Deutschland, steigt das mittlere Einkommen und damit jener Schwellenwert (60 Prozent des mittleren Einkommens), der Armut definiert. Mehr Menschen gelten plötzlich als arm, obwohl sich ihr Einkommen nicht verändert hat. Umgekehrt hat ein Land, in dem alle das gleiche Einkommen haben, nach jener Definition gar keine Armen. Die DDR ein Paradies der Reichen?

Diese Gedanken zeigen, wie wenig aussagekräftig relative Armutsmessung ist. Besser sind Vergleiche, wer sich welche Waren leisten kann – und wer nicht. So wird "Deprivations-Armut" gemessen. Und die gibt es tatsächlich auch in Deutschland. Fragen Sie mal Alleinerziehende oder Witwen ohne Betriebsrenten, wie teuer das Leben sein kann.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)