Kolumne: Der Ökonom: Anschlag auf die Netzneutralität

Kolumne: Der Ökonom: Anschlag auf die Netzneutralität

Freie Bahn für die Großen im Netz. Das hat die US-Telekommunikationsaufsicht beschlossen. Auf der Strecke bleiben die vielen kleinen und mittleren Internetanbieter.

Die Netzneutralität ist für Internet-Pioniere fast so etwas wie ein Glaubensbekenntnis. Danach sollen Inhalte im Netz so transportiert werden, dass sie möglichst schnell vom Anbieter zum Nutzer gelangen - entsprechend der technischen Gegebenheiten. Einen Vorrang für bestimmte Inhalte gibt es nicht.

Diesen Grundsatz, den die meisten Netzanbieter einhalten, hat die amerikanische Telekommunikationsaufsicht, die der Trump-Administration unterliegt, jetzt aufgekündigt. Künftig dürfen sich große Anbieter wie Amazon oder Youtube Netzkapazitäten kaufen, um ihre Nutzer schneller bedienen zu können. Das Nachsehen haben andere, die nicht über die Marktmacht der Internetriesen verfügen.

Nun mag man einwenden, dass das Internet nur die Entwicklung nachvollzieht, die etwa im Einzelhandel schon längst praktiziert wird. Wer große Mengen liefert, wird besser im Regal platziert oder erhält oft als einziger den Auftrag. So verfahren die Lebensmittel-Giganten Aldi, Lidl, Rewe oder Edeka. Der Kunde hat den Vorteil der niedrigen Preise, der Wettbewerb lebt.

In der Internet-Ökonomie gelten andere Regeln. Denn mit großen Netzkapazitäten können etablierte Internet-Konzerne sich wirksame Konkurrenz besser vom Hals halten als große Einzelhändler. Denn das Netz ist der einzige Kanal der Übertragung, während neue Einzelhandelsfirmen überall Filialen eröffnen können, um interessante Konkurrenzprodukte anzubieten. Ein neues Netz zu bauen, ist dagegen eine gigantische Markteintrittsschranke.

Klar ist, dass lebenswichtige Dienste eine Vorrangschaltung erhalten müssen. Wenn eilige medizinische oder sicherheitsrelevante Daten übertragen werden, müssen die Netzanbieter diese bevorzugt versenden. Für den Rest aber sollte Netzneutralität gelten.

Etwas anderes wäre es, wenn die Nutzer bereit wären, für ein schnelleres Internet mehr zu bezahlen. Dann könnten die Anbieter sich auf verschiedene Nutzergruppen aufteilen. Wenn Youtube für das Massenpublikum dann besser erreichbar wäre, hätten alle den Vorteil. Doch das ist ja gerade nicht der Fall.

Und noch ein zweiter Nachteil ist mit der Aufgabe der Netzneutralität verbunden. Das Internet hat sich als riesige Plattform für neue Unternehmen und Geschäftsmodelle erwiesen. Diese können sich jedoch nur bekannt machen, wenn sie die gleichen Chancen wie die etablierten Internetanbieter haben. Wer im Netz als Neuling diskriminiert wird, kann kaum seinen Konsumentennutzen unter Beweis stellen.

Die Entscheidung der US-Telekommunikationsaufsicht Federal Communication Commission hat eine Entscheidung zugunsten der etablierten Platzhirsche im Internet getroffen. Das ist zum Nachteil der Verbraucher, weil die nun teurere und weniger Inhalte erhalten.

Fragen? Schreiben Sie dem Autor unter kolumne@rheinische-post.de

(kess)