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Kolumne: Gesellschaftskunde: Wir verlieren unsere Konturen

Kolumne: Gesellschaftskunde : Wir verlieren unsere Konturen

Gesichtserkennung durch Computer wird immer effizienter. Es reichen grobe Merkmale. Mit wirklicher Wahrnehmung hat das nichts zu tun.

Mathematiker bei Facebook haben einen Algorithmus entwickelt, der Menschen auf Fotos auch dann erkennt, wenn deren Gesichter gar nicht klar zu sehen sind. Der Algorithmus nutzt Eigenschaften wie Frisur, Kleidung, Figur und Körperhaltung zur Identifizierung. Die Trefferquote ist hervorragend.

Computer müssen sich also nicht mehr mit Details aufhalten, um Menschen zu orten. Es genügt der grobe Eindruck. Nicht Feinheiten wie das unverwechselbare Gepräge eines Gesichts machen im digitalen Zeitalter ein Individuum aus, sondern simple Äußerlichkeiten wie Frisur oder Kleidung.

Im virtuellen Leben verliert der Einzelne also an Kontur. Selbst der erste Eindruck wird nicht durch das gebildet, was im zwischenmenschlichen Umgang zählt, durch die Ausstrahlung, die Physiognomie, den Blick eines Menschen. Das Raster der Rechenmaschinen ist gröber - und genügt trotzdem. In der digitalen Welt ist der Mensch ein Typ mit kleinen spezifischen Abweichungen. Das reicht, um ihn aus der Masse zu lösen, ihn zu Freunden zu gruppieren - und um ihn nutzbar zu machen für die Wirtschaft.

Denn natürlich steht hinter den technischen Bemühungen die Absicht, das Verhalten potenzieller Käufer zu erfassen, ihre Vorlieben zu scannen - und optimal zu bedienen. Kunden müssen nicht in ihrer Individualität erfasst werden, sondern in ihrem typischen Verhalten. Die Muster in ihrer Lebensführung sind für die Wirtschaft interessant. Erkennung dient der Zuordnung, nicht der Wertschätzung.

Maschinen muss man das nicht vorwerfen. Und Unternehmen, die beständig ihre Marktchancen verbessern müssen, auch nicht. Doch es bleibt nicht ohne Einfluss, wenn wir uns daran gewöhnen, dass Maschinen uns allein am vagen Umriss erkennen - und das auch noch den Anschein von etwas Zwischenmenschlichem hat, weil sie uns freundschaftliche Einkaufstipps geben. In der digitalen Welt wird der Einzelne zur groben Kontur mit berechenbarem Verhalten. Genaues Hinsehen lohnt nicht. Mit Wahrnehmung hat das nichts zu tun. Der Umgang von Mensch zu Mensch ist mühsamer. Das macht ihn reizvoll.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)