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Gesellschaftskunde: Warum Lästern das Gruppenklima vergiftet

Gesellschaftskunde : Warum Lästern das Gruppenklima vergiftet

Sind verbale Attacken erst einmal der Modus der Kommunikation in einer Gruppe geworden, ist niemand mehr sicher. Doch wer nicht mitlästert, wird die Welt froher betrachten können.

Manchmal wird der Mensch von Gemütszuständen heimgesucht, die sein Denken vergiften, ohne dass es ihm recht bewusst würde. Kein Dichter hat das treffender beschrieben als Shakespeare. Die Eifersucht nannte er "ein grüngeaugtes Scheusal, das besudelt die Speise, die es nährt". Und dann führte er an Othello vor, wie dieses Ungeheuer Menschen vernichtet.

Ein ähnliches Scheusal ist die Lästerei. Ob im Büro, im Vereinsvorstand, im Freundeskreis — sobald mehrere Menschen zusammenkommen, sind sie der Versuchung ausgesetzt, sich voneinander abzusetzen, Rangordnungen herzustellen, Hierarchien aufzubauen. Und das geht wunderbar, indem der eine über den anderen herzieht. Meist beginnt das Lästern wie ein harmloser Spaß. Einer fängt an, irgendwelche Eigenarten eines anderen zu karikieren. Die anderen steigen ein, weil Satire unterhaltsam ist. Und weil man besser mitlästert, will man nicht selbst das nächste Opfer sein. Das Problem ist, dass Lästern Menschen reduziert. Bald werden die Bespöttelten von der Gruppe nur noch als die Karikaturen wahrgenommen, die in Lästerrunden aus ihnen gemacht werden. Und dann ist der Verlierer geboren, den im Büro alle schrecklich finden. Er muss nur den Raum verlassen — dann beginnen die Tiraden, die dem Rest der Gruppe so ein angenehmes Zusammengehörigkeitsgefühl bescheren. Ist Lästern aber erst einmal der Modus der Kommunikation in einer Gruppe geworden, ist niemand mehr sicher. Dann können sich die herablassenden Verbalattacken jederzeit gegen jeden richten. Und Menschen fertig machen.

Nun ist Lästern aber nicht nur eine Schwäche Einzelner. Gerade in Gruppen, in denen hoher Konkurrenzdruck herrscht, ist es eine Methode, Stress abzulassen, Mitbewerber auszuschalten, die eigene Position zu sichern. Lästern hat also gesellschaftliche Ursachen, aber man kann sich persönlich dagegen entscheiden. Das bedeutet nicht, dass jeder alle Kollegen kritiklos liebhaben muss. Doch kann man sich entscheiden, seine Kollegen oder Vereinsgenossen möglichst als ganze Menschen wahrzunehmen — mit allen Schwächen und Stärken. Wer es sich versagt, andere auf ihre negativen Eigenschaften zu reduzieren, wird die Welt wohl froher betrachten können. Denn Lästern vergiftet nicht nur das Klima in einer Gruppe, sondern auch das eigene Denken, weil es ausschließlich durch negative Schemata funktioniert.

Die Lästerlust à la Shakespeare ist also ein Ungeheuer, das über eine Wirklichkeit klagt, die es selbst erzeugt. Eigentlich ein dummer Trick.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)