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Die Islamisten nutzen Schwachstellen: Der Terror geht systematisch vor

Die Islamisten nutzen Schwachstellen : Der Terror geht systematisch vor

Düsseldorf (RP). Paketbomben in der Luftfracht aus dem Jemen in die USA versetzen die Sicherheitsbehörden in Alarmzustand. Der Sprengstoff war der gleiche, den das Terrornetzwerk al Qaida bei einem Anschlagsversuch im vergangenen Jahr benutzt hatte.

Die Sicherheitsbehörden weltweit sind im Alarmzustand. Sie wissen, jedes Land der Welt kann ins Visier von Terroristen geraten. Sie hoffen, dass es ihre Abwehr ist, die diese Gefahren früh erkennt, geeignete Maßnahmen dagegen ergreift, um die Bürger zu schützen. Politiker aller Couleur versichern, es bestehe ein erhöhtes Sicherheitsrisiko auch in Deutschland, eine konkrete Bedrohung läge aber nicht vor. Doch das bietet keinen Grund zum Aufatmen.

Das islamistische Terrornetzwerk al Qaida arbeitet in seiner Organisationsform wie ein weltweit agierender Konzern. Osama bin Ladens Gefolgsleute sind in Unterorganisationen, in Filialen oder lokalen Gruppen organisiert und betreiben ihr Geschäft auf eigene Rechnung. Was sie eint, ist der Leitgedanke, den verhassten Westen, die vermeintlich gottlosen Gesellen der auf Geld und Gewinn orientierten freiheitlichen und offenen demokratischen Gesellschaften durch das Ausnutzen von deren Schwachstellen zu bekämpfen und in die Knie zu zwingen. Die Al-Qaida-Zentrale irgendwo im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan bietet den ideologischen Überbau, und sie bietet Training und die Praxis im Bombenbau und Anschlagsplanung zum Beispiel im Jemen an.

Einer von ihnen war der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab. Auch er hatte mehrere Monate im Jemen zugebracht. Am 25. Dezember 2009 hatte er versucht, im Landeanflug auf Detroit einen Sprengsatz zu zünden, doch er konnte rechtzeitig überwältigt werden. Bei dem Anschlagsversuch war der gleiche Sprengstoff verwendet worden, wie er nun am Wochenende bei den präparierten Paketbomben aus dem Jemen an die jüdischen Adressaten in die USA gefunden wurde. 2009 hatte sich die Organisation "al Qaida auf der arabischen Halbinsel" zu dem Anschlagsversuch auf die Detroit-Maschine bekannt. Nun weisen die Sprengstoffspuren erneut auf al Qaida.

Deren terroristische Vordenker und Planer ändern ständig ihre Vorgehensweise. Das macht ihre Organisation unberechenbarer und damit aber auch stärker. Al Qaida agiert, während die Terrorfahnder sehr oft nur noch reagieren können. Die Taktik von al Qaida ist für den Anti-Terrorkampf der Länder aufwendig und kostspielig. Nicht selten werden durch die Antiterrormaßnahmen Freiheitsrechte der Bürger eingeschränkt. Schon damit setzt al Qaida den demokratischen Gesellschaften in ihrem Selbstverständnis massiv zu. Das Netzwerk übt zumindest indirekt politischen Druck aus. Das war auch im März 2004 so, als al Qaida Bombenanschläge auf die Vorortzüge in Madrid verübte (191 Tote) und die Ablösung der bürgerlichen Regierung durch die Sozialisten bei der anstehenden Parlamentswahl bewirkte. Morgen stehen in den USA Kongresswahlen an. Die aufgedeckten Anschlagsversuche in den USA werden ihre politische Wirkung haben.

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Der jüngste Anschlagsversuch zeigt, wie das Terrornetzwerk die Industrieländer in ihrem Nerv treffen kann. Es ist nicht notwendig, dass Terroristen Anschläge durchführen, die denen vom 11. September 2001 in New York auf das World Trade Center als Symbol des freien Welthandels und auf das Pentagon als Symbol militärischer Weltmacht ähneln. Diese Anschläge sind bisher in ihrer Symbolkraft singuläre Ereignisse. Das kann sich ändern, wenn Terroristen eine schmutzige Bombe einsetzen, die Radioaktivität freisetzt und damit Städte oder ganze Regionen verseucht.

Doch die am Wochenende offenbarte Dimension der im Jemen aufgegebenen Paketbomben zeigt den Ernst der Lage. Im internationalen Frachtverkehr gibt es Sicherheitsrisiken. Der entscheidende Tipp auf die brisante Ladung kam vom saudi-arabischen Geheimdienst. So konnten die Bomben mit Zielort Chicago noch rechtzeitig unschädlich gemacht werden. Es ist auch nicht wirklich beruhigend, dass vorerst Luftfracht aus dem Jemen gestoppt oder genau geprüft wird. Al Qaida kann von anderen Orten seine Fracht auf den Weg bringen. Das bedeutet, weltweit müssen die Sicherheitsanforderungen beim Frachtverkehr überdacht werden.

Schon vor Jahren hatten Experten vor Anschlägen auf Wege des globalen Warenverkehrs gewarnt. Ein Bericht der britischen Sicherheitsfirma "Aegis Defence Service" fürchtete bereits vor sechs Jahren Anschläge auf Handelsschiffe. Immerhin werden 90 Prozent des globalen Warenverkehrs in Containern über die Weltmeere abgewickelt. Wer diesen Handel stört, der schädigt ganze Staaten. Das ist bei Anschlägen auf internationale Luftfrachtwege kaum anders.

Diese Gefahren wurden auch schon von der Uno erkannt. Ihre Seeorganisation IMO hatte den International Ship an Port Facility Security Code auf den Weg gebracht. So soll verhindert werden, dass Terroristen Anschläge in Häfen oder auf See verüben. Die Angst vor Anschlägen auf Passagierschiffe, auf Tanker, die zu schwimmenden Bomben umfunktioniert werden, oder Hafenzufahrten, die mit gesprengten Containerschiffen blockiert werden könnten, treiben Sicherheitsexperten um.

Wie weit dieses Szenario schon Realität geworden ist, zeigt das Piratenunwesen vor den Küsten Somalias am Horn von Afrika. Der Ausgang des Roten Meeres entwickelt sich immer stärker zum Großraum des Terrorismus und der organisierten Rechtlosigkeit. Auf der einen Seite liegt Somalia, wo seit Jahren nur noch Banden, Clans und islamistische Gruppen das Sagen haben, Schiffe kapern und nur gegen hohe Lösegeldzahlungen wieder freigeben. Am anderen Ufer des Meeres liegt der Jemen, der sich zur Drehscheibe des Al-Qaida-Terrors entwickelt hat.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Oktober 2010: Terroralarm an Flughäfen in USA und Großbritannien

(RP)