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Anschlag in Berlin: Tumultartige Szenen am Breitscheidplatz

Tumultartige Szenen vor Ort : "Warum sterben hier Leute?"

Ein großer Knall, eine Schneise der Verwüstung: Ein Lkw rast in einen Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Es gibt zwölf Tote und mindestens 50 Verletzte. Eindrücke aus dem Herzen Berlins.

Es ist kurz nach 20 Uhr, als die Menschen auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin einen lauten Knall hören. Es ist der Moment, in dem die Vorweihnachtsstimmung in Deutschland endet. In diesem Moment fährt ein schwarzer Sattelzug in den Weihnachtsmarkt im Herzen der Hauptstadt — in der Nähe des Bahnhofs Zoo, im Bezirk Charlottenburg. Zwölf Tote und Dutzende Verletzte sind die traurige Bilanz der Rettungsdienste am späten Abend.

Augenzeugen berichten, der schwarze Lastwagen mit polnischem Kennzeichen sei durch eine Gasse des Weihnachtsmarkts gerast. Auf 60 bis 80 Meter schätzt die Polizei später die Strecke. Auf dem Gehweg an der Budapester Straße kommt er schließlich zum Stehen. Die Frontscheibe ist gesplittert, die Seitenplane aufgeschlitzt. Unter dem Anhänger ragt ein künstlicher Weihnachtsbaum hervor.

"Der Laster hat uns vielleicht um drei Meter verfehlt"

Unmittelbar nachdem der Lkw in die Buden raste, ist ein 62-jähriger Anwohner vor Ort. Die Buden des Marktes hätten die Seite des Anhängers zerstört, vermutet er. Unter dem Laster hätten fünf Menschen gelegen. Als er vorbeiging, berichtet der Mann, habe der Fahrer noch im Führerhaus gesessen; er sei in sich zusammengesunken gewesen. Der Fahrer flüchtet; später nimmt die Polizei einen Mann fest, der dieser Fahrer sein soll.

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"Der Laster hat uns vielleicht um drei Meter verfehlt", berichtet Mike Fox, ein Tourist aus der englischen Stadt Birmingham, der "Daily Mail". Auf seinem Weg habe das riesige Fahrzeug Holzbuden und Tische zerstört. "Es war auf jeden Fall vorsätzlich", lautet Fox' Fazit. Er habe Menschen mit Bruchverletzungen geholfen; andere seien unter Buden eingeklemmt gewesen. Ein Unfall sei auszuschließen, sagen auch andere Augenzeugen; der Sattelzug sei ohne Licht gefahren, heißt es.

Auch Jan Hollitzer ist in der Nähe, der stellvertretende Chefredakteur der "Berliner Morgenpost". "Ich hörte einen großen Lärm", erzählt er dem US-Sender CNN, "und dann bin ich auf den Weihnachtsmarkt gelaufen und habe großes Chaos gesehen... viele Verletzte. Es war wirklich traumatisch."

Polizei riegelt Ku'Damm weiträumig ab

Der Laster gehöre einer polnischen Transportfirma aus der Nähe von Stettin, berichtet die ARD. Der Besitzer der Firma, Ariel Zurawski, erzählt am Abend im polnischen Fernsehen, der Laster habe italienische Stahlgestelle nach Berlin bringen sollen. Gegen Mittag habe er mit dem Fahrer, seinem Cousin, noch einmal Kontakt gehabt, danach nicht mehr — er lege aber seine Hand ins Feuer, dass der Mann eine solche Tat nicht begehen könne.

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Das verstärkt den Verdacht, der Lkw könne gekapert, der Fahrer entführt worden sein. Tatsächlich zeigen Bilder der Transportfirma bei Facebook einen schwarzen Sattelschlepper mit demselben Kennzeichen wie auf dem Breitscheidplatz. Der Beifahrer stirbt bei dem Crash, wie die Polizei schnell mitteilt.

Gegen 21 Uhr riegelt die Polizei den Ku'damm weiträumig für den Autoverkehr ab. Aus verschiedenen Richtungen kommen Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge am KaDeWe und Aquarium entlang zum Breitscheidplatz gefahren. Auch ein Feuerwehrkran ist dabei. Der Weihnachtsmarkt war zu der Zeit schon vollständig geräumt und dunkel. Sämtliche Eingänge würde von Polizisten mit Maschinenpistolen gesichert. Die Touristenmeile Ku'damm ist teilweise dicht.

"Geht nach Hause", sagt ein Polizist

Der Ort selbst war überraschend ruhig, kein lautes Gebrüll. In größerem Abstand — und nicht mehr in Sichtweite zum LKW — fragten einige Touristen die Polizisten, wie sie zu ihren Hotels gelangen können. Lautstarke Auseinandersetzungen blieben später aus. Nur anfangs, als die Polizei noch neue Absperrungen errichtete, gerieten einige Männer verbal aneinander.

Vor den Absperrungen spielen sich teilweise tumultartige Szenen ab, gegen die die Polizei sofort konsequent vorgeht. Die Stimmung ist aufgebracht: "Warum sterben hier Leute?", ruft ein Mann. Ein Wort gibt das andere. Sofort herrscht Streit über die Weltpolitik, über Flüchtlinge, über den Islam. Die Polizei reagiert scharf, sagt, dass nur noch Presse und Helfer vor Ort sein dürfen. "Geht nach Hause", sagt ein Polizist zu denen, die politisieren, bevor überhaupt Klarheit herrscht, was passiert ist.

Auch vor dem Zoo-Palast, wenige Meter vom Tatort entfernt, ist die Stimmung aufgebracht, wie die "Bild"-Zeitung berichtet. Verzweifelte Menschen fragten die Polizei, wo ihre Freunde und Angehörigen seien. "Bitte kommen Sie nicht zum Breitscheidplatz", twittert die Berliner Polizei und fordert die Anwesenden auf, keine Videos ins Netz zu stellen: "So schützen Sie die Privatsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen."

Die Beamten twittern zweisprachig — auf Deutsch und auf Englisch. Vorbild sind unverkennbar die Münchner Kollegen, die während des Amoklaufs eines 18-Jährigen im Juli die Öffentlichkeit stets aktuell informiert hatten. Eine Stunde nach dem Crash ruft die Polizei die Terror-Lage für Berlin aus.

Am Dienstag soll es einen Gedenkgottesdienst geben

Um 21.16 Uhr äußert sich bei Twitter auch Christian Estrosi, Beigeordneter der französischen Mittelmeermetropole Nizza. Dort war am 14. Juli ein Mann mit einem Lkw auf der Strandpromenade in die feiernde Menschenmenge gerast — 86 Tote lautete damals die Bilanz. "Horror in Berlin", schreibt Estrosi jetzt: "Unterstützung für den Bürgermeister von Berlin und das deutsche Volk. Nie mehr so etwas."

Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz liegt direkt am Fuß der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Am Dienstagabend soll dort ein Gedenkgottesdienst stattfinden.

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Hier geht es zur Bilderstrecke: Berlin am Tag nach dem Anschlag

(jd)