Der moderne Mann: Als mein Sohn unser Auto sprengte

Der moderne Mann : Als mein Sohn unser Auto sprengte

Drei Männer aus der Chefredaktion berichten über das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern. Was etwa kann ein Vater tun, wenn er merkt, dass er seine Kinder zu sehr verwöhnt hat? Ein Hilferuf.

Eins mal sicherheitshalber vorweg, damit keine Missverständnisse entstehen: Ich liebe meine Kinder sehr. Alle drei. Und ich versuche nach Kräften, ihnen ein verantwortungsbewusster, liebevoller und guter Erziehungsberechtigter zu sein.

Aber in letzter Zeit quälen mich Selbstzweifel. Wachsende Selbstzweifel. Ein Männchen hat sich in meinem Ohr festgesetzt. Es redet in einer unangenehmen Stimmlage. Es spricht: "Du hast versagt! Du hast deine Kinder verzogen! Du bist ein jämmerlicher Vater!"

Zum ersten Mal ist das Männchen aufgetaucht, als meine Tochter aus der Schule kam und sagte, sie wolle mit Delfinen schwimmen. Endlich mal. Die anderen Mädchen aus ihrer Klasse hätten das schließlich auch schon gemacht. Alle.

"Verzogen", flüsterte das Männchen in meinem Ohr, "Du hast sie verzogen. Tu etwas!" Ich nahm das damals nicht besonders ernst.

Zum zweiten Mal meldete sich das Männchen dann, als es um die Planung des gemeinsamen Familienurlaubs in den Sommerferien ging. Ich hatte Dänemark, Mallorca und Österreich zur Abstimmung gestellt. Meine Kinder konterten mit Südafrika, Mauritius und den Malediven. Da würden die anderen aus ihrer Schule hinfahren. Alle.

"Die werden immer verwöhnter", meckerte das Männchen im Ohr, nun schon lauter. "Du musst dringend etwas unternehmen!"

Ach was, dachte ich. Sicher ist das nur eine dieser kurzen, biochemisch verursachten Phasen in der Entwicklung von Jugendlichen. Dachte ich und buchte den Urlaub in Österreich. Das geht vorbei, dachte ich. Doch diese kurze, biochemisch verursachte Phase dauert nun leider schon recht lange.

Als wir vor wenigen Wochen ein neues Auto kauften, entschieden meine Frau und ich uns für einen VW Caddy. Kein rassiger Sportwagen, aber ein zweckmäßiges Fahrzeug, wenn man drei Kinder, einen Hund und gelegentlich auch die 90-jährige Oma samt Rollator transportieren muss. Dachten wir. Sicherheitshalber baten wir den Verkäufer, vor der Übergabe den Schriftzug Jako-O (eine Sonderedition) und die bunten Sitztaschen mit den Einsteckfächern für Buntstifte und Trinkflaschen zu entfernen.

Die Begeisterung meiner Kinder fiel trotz dieser Vorsichtsmaßnahme gedämpft aus: "Dann brauche ich auch keinen Führerschein zu machen", sagte der 17-Jährige, als wir mit dem neuen Auto nach Hause kamen. "Mit so einem Ding werde ich ganz bestimmt nicht freiwillig rumfahren."

Seine 16-jährige Schwester, die gerade ein Highschool-Jahr in den USA verbringt, sandte mittels Whatsapp kleine Emoticons über den Atlantischen Ozean, die auch unvoreingenommene Betrachter eher als Missbilligung unserer Kaufentscheidung auslegen würden.

Und auch die Reaktion unseres jüngsten Sohnes ließ an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: Der medien-erfahrene 13-Jährige schickte mir kommentarlos das oben abgebildete Video aufs Handy, das er mithilfe seines Smartphones und einer dieser nützlichen Gratis-Apps von seinem Kinderzimmer aus aufgenommen hatte.

Sie können sich, liebe Leser, vermutlich denken, in welcher Lautstärke das Männchen diesen Vorgang kommentiert hat.

Nun gut. Vielleicht werden Kinder so, wenn man sie auf ein elitäres humanistisches Gymnasium schickt: einerseits die wünschenswerte Beschäftigung mit lateinischen und griechischen Philosophen, andererseits der weniger wünschenswerte Kontakt zu Menschen, die selbst ihr Toilettenpapier bei Ralph Lauren kaufen würden - wenn es dort welches gäbe.

Wahrscheinlich muss ich mich mit dieser Entwicklung abfinden, mich in Geduld üben und auf Gott vertrauen, der am Ende alles wunderbar fügen wird. Trotzdem frage ich mich gelegentlich, ob ich beim Versuch, meine Kinder auf der gefährlichen Straße des Lebens ein Stück zu begleiten, nicht irgendwann eine Abfahrt verpasst habe.

Aber was hätte ich tun sollen? Schließlich liebe ich meine Kinder und möchte ihre Wünsche erfüllen. Wie kann ich dann verhindern, dass sie zu verzogenen Gören werden?

Vielleicht haben Sie, liebe Leser, heute am Vatertag Zeit, darüber nachzudenken. Und sollte Ihnen zwischen zwei Pils, Alt oder Kölsch eine Lösung einfallen, dann schreiben Sie mir bitte. Damit das Männchen endlich die Klappe hält. Ich freue mich auf Ihre Nachricht!

stefan.weigel@rheinische-post.de

Unser Special zum Vatertag:

- Echte Männer sind auch Muttersöhnchen (von Michael Bröcker)

- Als mein Sohn unser Auto sprengte (von Stefan Weigel)

- Wie Vaterliebe ein Kind durchs Leben tragen kann (von Horst Thoren)

- "Enteiert mir die Jungs nicht" (von Christine Haderthauer)

- Debatte: Männer sind Verlierer (von Reinhold Michels)

- Debatte: Männer sind Gewinner (von Frank Vollmer)

- Warum Männer keine Frauen sind (von Martin Bewerunge)

- Die Bastionen der Männer (von Martin Kessler und Uwe-Jens Ruhnau)

(RP)
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