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Der moderne Mann: Wie Vaterliebe ein Kind durchs Leben tragen kann

Der moderne Mann : Wie Vaterliebe ein Kind durchs Leben tragen kann

Was ich von meinem Vater gelernt habe? Alles! Zum Beispiel schwimmen, Fahrrad fahren - oder in schwierigen Situationen die Ruhe zu bewahren. Es war nicht immer leicht, ihm nachzueifern, aber erfolgversprechend. Gerade für einen kleinen dicklichen Jungen, der gehörigen Respekt vor Hunden, Kühen und Pferden und dazu noch eine Brille mit dicken Gläsern hatte, schien die Eroberung der ländlichen Erlebniswelt mühsam.

Mein Vater aber hat mir die Grenzen aufgezeigt, aber auch den Horizont erweitert - bis nach Troja, zu den alten Griechen! Und wenn andere Steppkes bei Mutti zu Hause bleiben mussten, nahm Papa mich mit. Das war eine Ausnahme in den frühen 60er Jahren und wurde bei uns im niederrheinischen Dorf sogar Thema im Karneval. Mit den Spötteleien ("Wenn der Vater mit dem Sohne ...") konnte Papa leben - er ertrug sie mit Stolz - und ich bewunderte ihn dafür. Dass er mich als Zwölfjährigen im Ford 17M Gas geben ließ, wäre heute wohl undenkbar, damals (auf dem Feldweg) sicherlich risikolos. Es war aber ein starkes Signal: Er traute mir, seinem einzigen Kind, etwas zu! Das habe ich gespürt, und das hat mich gestärkt. Mein Vater hat mich als kleine Persönlichkeit angenommen, mit allen meinen Wesenszügen. Er wollte keine Kopie seiner selbst, sondern den eigenständigen, verantwortlichen Menschen.

Einen meiner Leitsätze habe ich von meinem Vater übernommen, der wiederum die Bibel zitierte: "Der Mietling aber, der kein Hirte war, verließ die Herde und floh, als der böse Wolf kam." Das bedeutet: Dir gestellte Aufgaben sollst du mit Selbst- und Gottvertrauen verantwortungsvoll lösen! Mein Vater besitzt dazu die ausgeprägte Fähigkeit. Er versteht es wie kein Zweiter, in aufregenden Situationen die Ruhe zu bewahren, analytisch und menschlich bedacht zu handeln und zu entscheiden. Von ihm habe ich gelernt, zuzuhören und in jedem Gespräch auch die Interessenlage des anderen zu sehen. Was man selbst nicht erleben möchte, sollte man tunlichst auch keinem anderen antun. Das heißt nicht, um jeden Preis immer nur der Nette und Freundliche zu sein. Das geht nun mal nicht immer. Aber dem Gegenüber das Gesicht zu lassen, das geht! So sagt es mein Vater. Immer noch.

Mein Vater ist auch mit 86 Jahren noch Gewissens-TÜV der Familie. Er war nie als Nikolaus oder St. Martin unterwegs, dennoch aber immer großzügig im Schenken. Sein zweiter Bibelspruch geht mir nahe: "Schaffe dir Freunde mit dem ungerechten Mammon." Damit verbunden ist die Aussage, dass Geld nicht alles ist, aber helfen kann. Und jeder zur Caritas aufgerufen ist: Je besser es ihm geht, desto mehr ist er gefordert! Das habe ich als kleiner Junge erlebt, wenn er mich mitgenommen hat - zur Haussammlung für den "Tag der alten Leute", wenn er bei Fremden und Bekannten klingelte und um eine Spende bat.

Ich selbst wäre gern noch mal der sechs- oder siebenjährige Junge, der im Martinszug mitläuft, sich riesig über seine Fackel freut und voller Begeisterung die gelernten Lieder schmettert! Und der dann später freudestrahlend und voller Erwartung da steht, wenn Sankt Martin ihm die Tüte mit Leckereien vom Pferd herab in die Hand drückt. Süße Erinnerungen an eine Zeit ausgesprochener Grundzufriedenheit und Glückseligkeit, in der Geborgenheit der väterlichen Obhut. In einer (Selbst-)Sicherheit, die man als Erwachsener in der Kenntnis der vielen Gefahren in der Welt nicht mehr empfindet...

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Und heute kann ich von meinem Vater lernen, das Alter zu tragen. Er klagt nicht, auch wenn er offensichtlich Schmerzen hat. Im Gegenteil! Er freut sich lieber mit, wenn es anderen gut geht. Er macht täglich seine gymnastischen Übungen - und sagt immer noch frei heraus, was er denkt. Klartext. Mit vernehmbarer Stimme. Manchmal so laut, dass der Pastor oder Festredner seinen Kommentar kaum gänzlich überhören kann. Seine Stimme zählt - für mich immer noch.

Unser Special zum Vatertag:

- Echte Männer sind auch Muttersöhnchen (von Michael Bröcker)

- Als mein Sohn unser Auto sprengte (von Stefan Weigel)

- Wie Vaterliebe ein Kind durchs Leben tragen kann (von Horst Thoren)

- "Enteiert mir die Jungs nicht" (von Christine Haderthauer)

- Debatte: Männer sind Verlierer (von Reinhold Michels)

- Debatte: Männer sind Gewinner (von Frank Vollmer)

- Warum Männer keine Frauen sind (von Martin Bewerunge)

- Die Bastionen der Männer (von Martin Kessler und Uwe-Jens Ruhnau)

(RP)