Grevenbroich: Umstrittenes Kraftwerk jetzt am Netz

Grevenbroich: Umstrittenes Kraftwerk jetzt am Netz

In Grevenbroich-Neurath ist gestern das größte Braunkohlekraftwerk der Welt offiziell in Betrieb genommen worden. Betreiber RWE sieht die neuen Blöcke als wichtigen Baustein zum Gelingen der Energiewende. Umweltschützer nennen das Großprojekt einen "Klimakiller".

Hannelore Kraft ist gut gelaunt. Die Ministerpräsidentin von NRW steht vor der Schalttafel im Leitstand des neuen RWE-Braunkohlekraftwerks und blickt auf die Bildschirme. "Es beruhigt mich, viele grüne Punkte zu sehen und wenige rote", sagt Kraft. "Ausnahmsweise zumindest", fügt die SPD-Politikerin hinzu. Die RWE-Manager schmunzeln.

Vor wenigen Minuten hat Kraft gemeinsam mit Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und Peter Terium, dem Vorstandsvorsitzenden von RWE, auf den grünen Knopf gedrückt, um die Doppelblockanlage nach sechsjähriger Bauzeit symbolisch in Betrieb zu nehmen. Mit einer Gesamtleistung von 2200 Megawatt gilt die Anlage als das modernste Braunkohlekraftwerk der Welt. 400 Gäste sind nach Grevenbroich gekommen, um bei der Einweihung dabei zu sein. Sie erfahren, dass die 2,6 Milliarden Euro teuren Blöcke "BoA 2&3" rund 3,4 Millionen Haushalte mit Strom versorgen können. "BoA" ist die Abkürzung für "Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik". "Gäbe es die Olympischen Spiele für Stromerzeugung, so wäre dies eine klare Goldmedaille", sagt RWE-Chef Terium. Pro Jahr würden bei gleicher Stromproduktion sechs Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid emittiert als von den alten Anlagen, die durch den Neubau ersetzt wurden.

Auszubildende von RWE demonstrieren den Gästen im Festzelt an einem Modell, was die Anlage besser kann als ihre Vorgänger. Sie bauen kleine Windkrafträder und Solaranlagen auf und sorgen mit einem Fön für Wind und mit einer Laterne für Sonne. Sobald sie Strom erzeugen, fällt die Leistung von BoA 2&3 ab. Jeder Block kann innerhalb von 15 Minuten seine Leistung um mehr als 500 MW verändern. Wenn Flaute herrscht, kann das Kraftwerk umgekehrt innerhalb von kurzer Zeit die Leistung von 400 Windkraftanlagen ersetzen. "Die erneuerbaren Energien haben immer Vorfahrt auf der Stromautobahn", erläutert RWE-Chef Terium. Das Braunkohlekraftwerk sei ein wichtiger Baustein der Energiewende, weil es immer flexibel Strom produzieren könne.

Die Eröffnung des Kraftwerks begann am Morgen mit einer ökumenischen Andacht. Dabei wurde der Menschen gedacht, die auf der Baustelle ihr Leben verloren. Im Oktober 2007 war es auf der BoA-Baustelle zu einem tragischen Unglück gekommen. Bei Montagearbeiten in 100 Metern Höhe stürzte eine mehr als 100 Tonnen schwere Stahlkonstruktion ab. Drei Tschechen und Slowaken im Alter zwischen 25 und 35 Jahren, zwei von ihnen waren Brüder, verloren ihr Leben. Die Opfer mussten teilweise von Höhenrettern geborgen werden. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach wurde das Unglück durch einen "nicht vorhersehbaren Fehler" ausgelöst. Bei der Montage sei die Tragfähigkeit der betroffenen Bauteile schlichtweg falsch eingeschätzt worden. "Der Fehler beruhte letztlich auf einer Unkenntnis über die fehlende physikalische Belastbarkeit", heißt es von Seiten der Ermittler.

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Neben dem schweren Unfall hat es auf der Baustelle immer wieder Zwischenfälle gegeben. Im September 2007 war es zu einem tödlichen Arbeitsunfall gekommen, im Januar 2008 starb ein 25 Jahre alter Mann, der von einem Stahlträger erschlagen wurde. Insgesamt kam es zu Bauverzögerung von anderthalb Jahren, die Kosten stiegen von 2,2 auf 2,6 Milliarden Euro an. Dafür seien "unterschiedliche Faktoren" verantwortlich gewesen, heißt es bei RWE. Es habe "Qualitätsprobleme gegeben, unter anderem beim Stahl", so ein Konzernsprecher. Details will man nicht nennen.

Vor dem Werkstor protestierten Umweltschützer gegen das Großprojekt. Dass Ministerpräsidentin Kraft den "Klimakiller" in Betrieb nehme, belege die widersprüchliche Klimaschutzpolitik der Landesregierung, kritisierte Paul Kröfges, NRW-Vorsitzender des BUND. Das Kraftwerk sei "ein Dinosaurier des Kohlezeitalters". Die Gewinnung von Braunkohle in den Tagebauen des Rheinlandes sei "mit unbeherrschbaren Ewigkeitsschäden verbunden".

BoA 2&3 wird trotz modernster Technik jährlich rund 16 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen. Reiner Priggen, Chef der Grünen im Landtag, erklärte: "Für die Klimaschutzziele der Bundesregierung und des Landes sind Kraftwerke wie dieses für die nächsten 40 Jahre eine extreme Belastung."

(RP)
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