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Wesel: Hupsignale für Flüsterschienen

Wesel : Hupsignale für Flüsterschienen

Hupen stören diese Woche den Schlaf der Mehrhooger. Sie warnen die Trupps, die nachts Schienenstegdämpfer einbauen. Das Dorf gehört zu den sieben Kilometern Teststrecke für innovativen Lärmschutz an der Betuwe.

HAMMINKLELN/REES 10.52 Uhr: Arbeiter im Bahnhof Mehrhoog machen am Ende des schnurgeraden Korridors des Schienenstrangs Richtung Haldern einen Zug aus, auch wenn am Ende des Horizonts nur ein dunkler Punkt zu erkennen ist. Der wird schnell größer. Der Regionalexpress (RE 5) ist im Anmarsch. Gleich wird sich zeigen, ob die Warnanlage entlang des westlichen Gleises, die am Wochenende installiert worden ist, funktioniert. Als RE 5 das Signal passiert, füllt ein kurzer blecherner Hupton die morgendliche Ruhe. Nach ein, zwei Sekunden gewinnt das gleichmäßige Rattern des Kompressors unterhalb der Schranke, der die Warnanlage mit Strom versorgt, wieder die akustische Lufthoheit. Nur die gelben Leuchten über den einem Megafon ähnlichen Hörnern blinken noch, bis der Zug die Ortslage passiert hat. Die Warnanlage mit 39 Hörnern auf einen Kilometer wird Mehrhoog in den Nächten dieser und nächster Woche, wenn die Gegenrichtung gedämpft wird, mit einer Lautstärke von 126 Dezibel im Schlaf stören, sobald ein Zug naht.

Teststrecke für den Bund

Sie dient dem Schutz der Trupps, die nun zwischen 23.30 und 4.30 Uhr im Einsatz sind, um sogenannte Schienenstegdämpfer einzubauen. "Das Hupen wird man hören", sagt ein Arbeiter, hält sich die Ohren zu, lächelt und erwidert den freundlichen Gruß des Mannes im Cockpit der passierenden Lok mit einer lässigen Handbewegung.

Die Ortslage Mehrhoog gehört zu den auf sieben Kilometer sich summierenden Abschnitten der Betuwe-Linie, in denen sogenannter innovativer Lärmschutz eingebaut wird, damit später die Schallschutzwände nicht zu sehr in den Himmel ragen müssen. "Es ist erfreulich, dass Mehrhoog, wenn auch nur südlich des Bahnübergangs, ins innovative Lärmschutzprogramm gerutscht ist", so Bürgermeister Holger Schlierf. Das bringe laut Experten bis zu vier Dezibel weniger Lärm. Die nördliche Ortslage sei wegen der Weichen für Dämpfer ungeeignet. Aber, so der Sprecher der Betuwe-Anrainer: "Von Lärmschutz auf Basis von Blockverdichtung sind wir weiter weit entfernt."

In Haldern sind die Dämpfer bereits eingebaut worden. Einen großen Effekt hat Anwohner Harry Seesing bisher nicht ausgemacht. Aber noch sei das System in der Testphase, so die Bahn. Die Dämpfer werden direkt an der Schiene befestigt – kleine Metallpakete, die die Resonanz der Schiene unterdrücken, weil sie in einer anderen Frequenz schwingen als das Gleis. Schall soll so direkt an der Quelle bekämpft werden, auch Lauf- und Quietschgeräusche der Räder werden reduziert – so die Idee.

Das neue System ist vom Eisenbahnbundesamt (EBA) noch nicht offiziell zugelassen. "Eine absolute Innovation", so Bahnsprecher Udo Kampschulte. Daher werden die Dämpfer zur Berechnung des Lärmschutzes in den anstehenden Planfeststellungsverfahren nicht berücksichtigt. "Sie sind quasi on top", so der Bahnsprecher. Die Kosten trägt der Bund aus Konjunkturmitteln. Die ganze Betuwe damit auszurüsten, wäre zu teuer. Die Betuwe ist nicht die einzige Teststrecke für "Flüsterschienen".

(RP)