Neukirchen-Vluyn: Allein in der Kirche

Neukirchen-Vluyn: Allein in der Kirche

Für eine Weile in einer Bank der Kirche St. Quirinus in Neukirchen sitzen und nachdenken: RP-Redakteur Stefan Gilsbach schrieb auf, was ihm dabei durch den Sinn ging.

Ein seltsamer Gedanke: Zwei Tage noch, dann wird diese Kirche so voll mit Menschen sein wie das ganze Jahr über nicht. Doch in den Tagen vor dem Fest ist eine Kirche der einsamste Ort, den man sich denken kann. Ein einsamer Ort? Dagegen würde ein frommer Christ einwenden: Nicht doch, Gott ist hier präsent. Er ist gegenwärtig im Tabernakel. Und ein Abbild seines Sohnes hängt am Kreuz über dem Altarraum, sanft beleuchtet von einem Strahler. Es ist das einzige künstliche Licht hier, abgesehen von den drei Kerzen auf dem großen Adventskranz.

Ich wende mich um: Oben auf der Empore die Säulen der Orgelpfeifen und Fenster mit moderner Glasmalerei. In dem dämmrigen Bereich neben dem Kircheneingang brennen Kerzen, ein weiteres Kruzifix mit einem metallenen, stilisierten Christus. Und ein Gemälde, offenbar über viele Jahre hinweg vom Ruß der Kerzen eingedunkelt, auf dem man erst bei genauem Hinsehen die Kreuzabnahme erkennt. Die Augen wandern über die Weihnachtsbäume, die auf Schmuck und Lichter zu warten scheinen, und über die Kreuzweg-Gemälde, die auf den ersten Blick wenig ansprechend sind, bei näherem Betrachten aber gewinnen. Solche "modernen" Kirchen erinnern mich an meine Kindheit in den 70ern. Manche sind bereits wieder verkauft oder abgerissen worden. Zu optimistisch hatte man die Zahl der Gläubigen in den kommenden Generationen eingeschätzt. Die Glocke an der Seite der Tür zur Sakristei erinnert mich an meine Jahre als Ministrant. Läuten, wenn man einzieht, den Flambeau immer gerade halten, Wasser und Wein holen und in den Kelch gießen, bei der Wandlung klingeln (oder auf einen Gong schlagen), das Evangelienbuch holen - da gab es einiges einzuprägen. Und mir fallen die Pannen ein, die - etwa der Gongschlag an unpassender Stelle. Und nie werde ich den fragenden Blick unseres Pfarrers vergessen, als ich ihm einmal in den Kelch nur ein paar Tropfen Wein, dafür reichlich Wasser eingoß. Damals war Sparen in der Kirche noch kein Thema.

Das Farbenfroheste hier ist der Tabernakel, der umgeben ist von einem Gemälde. Von meiner Bank aus erschließen sich die einzelnen Motive erst bei näherem Hinsehen. Eine Taube schwebt über dem Ganzen, ein Regenbogen wölbt sich, eine Hand streckt sich aus, und ich glaube auch, einen Laib Brot zu sehen.

Eine Dame betritt den Altarraum und bläst die drei Kerzen auf dem Adventskranz aus. Auch der Strahler, der den leidenden Christus beleuchtet hat, erlischt. Einige Minuten dauert es, bis der verbrannte Geruch der glimmenden Dochte durchs Kirchenschiff zu mir gedrungen ist. Ich stehe auf und denke beim Hinausgehen daran, was ich noch alles fürs Fest besorgen muss.

(s-g)