Mönchengladbach: Luther war kein früher Demokrat

Mönchengladbach: Luther war kein früher Demokrat

Volker Lehnert referierte über dessen Ansichten zu Beruf, Ehe, Staat und Kirche.

Im Nachklang des Reformationsjubiläums beschäftigte sich auch der evangelische Arbeitskreis mit Luther. In der Rheydter Hauptkirche referierte Kirchenrat Volker Lehnert über "Beruf, Ehe, Staat und Glaube - wie Luther die Welt wiederentdeckte". Der Referent stellte zunächst fest, theologische Voraussetzung für Luthers Ansatz sei dessen Verständnis vom "unbekannten Gott", der Menschengestalt angenommen und sich in Jesus Christus gezeigt hat. "Ich weiß von keinem Gott, außer von dem Menschgewordenen", soll der Reformator gesagt haben. Für den Referenten besagt dieser Satz, dass Luther Gott in seiner "Weltbezogenheit" gesehen hat.

Diese Feststellung war der Auftakt zu prägnant vorgetragenen Aspekten mit Hinweisen auf deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit. Dazu zählte Luthers Vorstellung von einem Gott, der auf zwei Weisen regiert. Recht und Gerechtigkeit sind Aufgaben des Staates, um der Sünde von außen zu begegnen, während die Kirche durch Geist und Sakrament den Menschen in seinem Gewissen ansprechen soll. Diese Vorstellung wurde zum Vorläufer für die spätere Trennung von Staat und Kirche. Luther sah beides noch in der Verantwortung vor Gott, betonte Lehnert. Er verwies auf die Präambel des Grundgesetzes, wo der Kerngedanke im Wortlaut der Verantwortung vor Gott und den Menschen festgehalten ist. Auf die rhetorische Frage, ob nur der regieren darf, der die Verantwortung vor Gott kennt, antwortete Lehnert: "Diese Frage stellt sich heute keiner mehr."

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Zum Glauben an die Realpräsenz Jesus Christus unterschied er, dass die evangelische Kirche anders als die katholische keine Weihe zum Priester kennt. Der Priester ist berufen und alle getauften Menschen vor Gott "unmittelbar". Als vornehmste Aufgabe des Pfarrers in Luthers Sinne bezeichnete er die Auslegung der Heiligen Schrift. Neu war damals auch Luthers Verständnis von der Berufung, die für die Menschen des Mittelalters noch eine Erhebung in den klerikalen Stand war.

Luther hingegen glaubte, dass Gott jedem Menschen eine Gabe schenkt, die vor Gott den Wert der Berufung hat, legte Lehnert dar und sagte: "Daraus ist der Begriff Beruf entstanden, wie wir ihn heute kennen." Mit Blick auf aktuelle Debatten stellte Lehnert fest: "Luther hat uns den Auftrag hinterlassen, zu lieben. Wenn alle lieben, welch wunderbares Gemeinwesen könnte daraus entstehen." Trotz dieser fortschrittlichen Gedanken stellte der Referent klar: "Luther war kein früher Demokrat, kein Aufklärer, sondern ein Kind des Mittelalters. Doch wir dürfen die Ansätze sehen und deren Auswirkungen."

(anw)