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Mönchengladbach: Flucht im Schutz des Regens

Mönchengladbach : Flucht im Schutz des Regens

Vor 49 Jahren floh der heute 68-jährige Helmut Stieler aus Ostberlin zu seiner Schwester nach Mönchengladbach. Schon ein Jahr zuvor wollte er mit einem Freund nach Westdeutschland entkommen.

Doch der Bau der Mauer am 13. August 1961 durchkreuzte ihre Pläne.

Berlin, 13. Juli 1962: Der 19-jährige Transportpolizist Helmut Stieler patrouilliert mit seinem Kollegen die Gleise zwischen Bornholmer Straße und Bahnhof Gesundbrunnen. Dunkle Wolken ziehen am Horizont auf und verbergen immer größere Teile des Himmels. Wehrpflichtige der Nationalen Volksarmee haben kurz zuvor das Gebiet von Sträuchern und Geäst befreit, um den Polizisten für den Einsatzfall ein freies Schussfeld zu schaffen. Zuerst der Warnschuss, dann der Schuss in die Beine — so lautet der Befehl, falls jemand sich auf einen Zug schwingen und nach Westdeutschland flüchten will.

Stieler trägt ein altes Gewehr des Modells K98 bei sich, sein Kollege, der Postenführer, eine Maschinenpistole. Es ist kurz nach zwölf Uhr mittags. Stieler kämpft mit einem Gedanken, den er seit langer Zeit in sich trägt. Schon ein Jahr zuvor hatte er geplant, ihn mit einem Freund in die Tat umzusetzen. Am 24. August 1961 wollten sie nach Westdeutschland flüchten. Wie hätten sie wissen sollen, dass am 13. August die Mauer errichtet wird?

Stieler ist nervös, doch irgendwie schafft er es, unbemerkt die Munition aus dem Gewehr zu nehmen und in seine Hosentasche gleiten zu lassen. "Sollen wir nicht mal die Waffen tauschen?", fragt Stieler und versucht, es wie die Aufforderung zu einem Spiel klingen zu lassen. "Deine ist doch viel schwerer." Er rechnet nicht damit, er lacht heiser, aber der Postenführer nimmt das Angebot an. Sie gehen einige Meter. Dann nimmt Stieler das Magazin auch aus der Maschinenpistole. Jetzt, denkt Stieler, lauf. Aber sein Körper gehorcht ihm nicht, seine Hände beginnen zu zittern, schließlich stirbt sein Mut. Er steckt das Magazin wieder in die Pistole.

Inzwischen ist kein Blau mehr am Himmel, nur noch endlose Schwärze. Bald, als die Polizisten zur Brücke zurückgekehrt waren, entleeren die Wolken sich schlagartig. Stieler flüchtet unter einen zubetonierten Rundbogen der Brücke. Neben ihm ein offener Bogen. Zwei Gleise, die in die Freiheit führen. Der Postenführer sucht Schutz in einer entfernten Baracke. "Tok, tok, tok" — hört Stieler die Stiefel der Grenzpolizisten über ihm, als sie in die Unterkünfte hasten.

Weder sie noch der Postenführer können den jungen Transportpolizisten jetzt sehen, wie er plötzlich erneut Mut schöpft, das Schiffchen von seinem Kopf reißt, sich duckt und durch den offenen Torbogen sprintet. Ein paar hundert Meter weiter kniet er sich ins flache Schilfgras. Noch immer hat niemand ihn bemerkt. Keine Schüsse, nur der Regen. Stieler sieht den Hügel, der zum alten Stadion von Hertha BSC hinauf führt. Er richtet sich wieder auf, rennt den Hügel hoch — und stößt gegen einen Maschendrahtzaun.

Er dreht sich, stolpert wieder hinunter zu den Gleisen. Plötzlich die Hupe des Zuges, der ihn nur um Zentimeter verfehlt. Stieler fängt sich, rennt weiter. Noch am selben Tag wird ihn der Polizeipräsident von Berlin zu seiner Flucht beglückwünschen.

49 Jahre später sitzt Helmut Stieler in einem elegant eingerichteten Wohnzimmer in Wickrath. Die Abendsonne bricht durch die breite Glasfront und trifft auf das lachende Gesicht eines Mannes, der — auch ohne Therapeut, wie er sagt — seine Vergangenheit verarbeitet hat. "Ich hatte lange schlimme Albträume", erinnert sich der Bauingenieur. "Oft wurde ich in ihnen erschossen. Aber das ging vorbei. Immer allerdings, wenn ich mich erinnere, sind die Erlebnisse wieder zum Greifen nahe."

Ein Zimmerkollege hatte nicht sein Glück: Bevor der 19-jährige Hans-Dieter Wesa am 23. August 1962 die Grenze überqueren konnte, streckten ihn elf Schüsse nieder — abgefeuert ebenfalls von einem Zimmerkollegen. "Es ist einfach unvorstellbar", sagt Helmut Stieler mit brüchiger Stimme. "Ich kannte beide. Kurz bevor dem Schützen im Jahr 1994 der Prozess gemacht werden sollte, hat er dann Selbstmord begangen."

Die Tür wird aufgeschlossen. Renate Stieler kehrt heim. Sie hat gerade die 15 Monate alte Enkelin wieder sicher nach Hause zu ihren Eltern gebracht.

(fae)