Mönchengladbach: Albert Schweitzers "Örgelchen"

Mönchengladbach: Albert Schweitzers "Örgelchen"

In der evangelischen Friedenskirche in Eicken soll die romantische Seifert-Orgel bald restauriert werden.

Sie dominiert nicht nur optisch den Kirchenraum, sie ist auch schon von sehr illustrer Hand gespielt worden. Zum Beispiel von Albert Schweitzer, der sie liebevoll "Örgelchen" nannte. Die Rede ist von der Seifert-Orgel, in die Ostwand der Eickener Friedenkirche eingelassen und einzige original erhaltene romantische Orgel in evangelischen Kirchen der Region. Allerdings: Sie erklingt nicht mehr. In den 1960er-Jahren wurde sie stillgelegt und statt ihrer eine neue, neobarocke Hammer-Orgel eingebaut.

Einblick in das Kerngehäuse der sanierungsbedürftigen Orgel in der evangelischen Friedenskirche in Eicken. Foto: Detlef Ilgner

Nun aber soll das Örgelchen aus seinem Dornröschenschlaf erweckt, restauriert und wieder in Betrieb genommen werden. Dann wird die Friedenskirche über zwei Orgeln verfügen, die auch gemeinsam gespielt werden können - eine Aussicht, die Liebhaber von Orgelmusik in Begeisterung versetzt.

Romantische Orgeln klingen völlig anders als barocke oder neobarocke. "Neobarocke Orgeln haben sehr viele helle Register", erklärt Gerd Acker, Organist und Mitglied im neu gegründeten Orgelbauverein. "Eine romantische Orgel klingt dagegen sehr viel wärmer. In der Romantik spielt das Gefühl eben eine große Rolle."

Die romantische Orgel, die in den Jahren 1903 und 1904 von der Firma Seifert geschaffen wurde, hat die Weltkriege unbeschadet überstanden, entsprach aber in den 1960ern nicht mehr dem Zeitgeschmack. Vermutlich blieb sie erhalten, weil der Ausbau zu teuer gewesen wäre. Allerdings wurden Windmaschine, Windanlage und einige Pfeifen, sogar ganze Register, entfernt. Als in der Gemeinde Überlegungen angestellt wurden, um die Orgel, die man statisch ohnehin hätte stabilisieren müssen, zu restaurieren, nahm sie ein Orgelbauer nach 50-jährigem Schweigen probeweise in Betrieb. "Mir schossen die Tränen in die Augen, als ich diesen Klang hörte", sagt Herbert Schimanski, Krankenhauspfarrer im Maria-Hilf und ebenfalls im Orgelbauverein aktiv. Auch der Orgelsachverständige der evangelischen Landeskirche war beeindruckt. Er nannte die Orgel ein Dornröschen, das wachgeküsst werden müsse.

Die evangelische Friedenskirchengemeinde hat sich nun tatsächlich zum Wachküssen entschlossen und auch bereits den Auftrag an einen Mönchengladbacher Orgelbauer erteilt. Ganz billig wird das Ganze nicht. Etwa 200.000 Euro sind nötig, um die Seifert-Orgel wieder in den Zustand zu versetzen, in dem sie einst auch von Albert Schweitzer gespielt wurde.

Die Hälfte der Summe für die Restaurierung will der Orgelbauverein zusammenbekommen, also 100.000 Euro. Die andere Hälfte übernimmt die Gemeinde. "Wir haben die Orgel als Geschenk von unseren Urgroßeltern bekommen", erklärt Gerd Acker sein Engagement für die Seifert-Orgel. "Es gilt, unser Erbe zu erhalten." Außerdem bilde die Orgel mit Abendmahlstisch und Kanzel eine liturgische Einheit. "Orgelmusik ist nach evangelischem Verständnis selbst Verkündigung und ein Herzstück des Gottesdienstes."

Allerdings werden die beiden Orgeln zusammen voraussichtlich nicht im Gottesdienst erklingen, wohl aber bei Konzerten. Der Reiz besteht darin, dass sie sehr unterschiedlich klingen. "Dann entsteht etwas Neues", meint Acker. "Barock und Romantik reichen sich die Hand." Bis es so weit ist, muss der Orgelbauverein noch Spenden akquirieren. Manfred Petzold ist auf der Suche nach Sponsoren. "Ich kann mir auch Patenschaften für Orgelpfeifen vorstellen", sagt er.

Der Orgelbauer wird noch 2018 mit der Arbeit beginnen. "Ich wage vorauszusagen, dass der runde, grundtönige und warme Klang der Seifert-Orgel den der Hammer-Orgel absolut in den Schatten stellen wird", prognostiziert Kirchenmusikdirektor Udo Witt von der evangelischen Hauptkirche Rheydt.

(RP)