Mönchengladbach: "Heimat ist alles für mich"

Mönchengladbach: "Heimat ist alles für mich"

Josef K. (96) lebt im Caritaszentrum Giesenkirchen. Ihn machen die kleinen Dinge im Leben glücklich: Tanzen, Singen und Spazierengehen.

Auch wenn Josef K.* schon mehr als 96 Jahre zählt, ist er im Herzen jung geblieben. Als ältester von drei Kindern wird Josef am 24. Juni 1921 in Steinforth (heute Korschenbroich) geboren. Die Volksschule besucht er acht Jahre lang, bis es 1935 für ihn an der Zeit ist, "schaffen" zu gehen. "Der Stundenlohn damals betrug drei Pfennige. Das muss man sich heute mal vorstellen," erinnert sich der 96-Jährige. "Drei Jahre lang bin ich jeden Morgen 20 Kilometer mit dem Fahrrad nach Neuss in die Papierfabrik gefahren. Abends dann wieder 20 Kilometer zurück. Bis der Krieg anfing." Mit 18 Jahren wird Josef gemustert und als Vorposten in die Schiffsstammabteilung geschickt. Er wird in Frankreich, den Niederlanden und auf der Ostsee bei der Marine stationiert.

Im Dienst lernt Josef die niederländische Krankenschwester Johanna kennen. Wenn er an sie denkt, dann leuchten seine Augen noch heute. "Zu Kriegszeiten haben wir uns kennengelernt, 1943 bei der Marine in Rotterdam. Oh ja, getanzt haben wir, bis spät in die Nacht. Wir tanzten während die Schiffsmusikkapelle spielte. Das war Liebe auf den ersten Blick." Heiraten können die beiden da noch nicht, denn Johanna ist nicht arischer Abstammung.

Josef mit seiner Frau Johanna. Von ihr lernt Josef die niederländische Sprache. "Oh Herr! Sei mir gnädig," steht auf der Postkarte geschrieben. Foto: Bauch Jana

Neun Monate später bekommt Josef Sonderurlaub: Er wird Vater. Johanna wohnt nun in Josefs Elternhaus. Seine Tochter kommt auf die Welt. Die Hausgeburt in Steinforth ist einer der glücklichsten Momente seines Lebens. Auch heute noch hat er eine enge Verbindung zu seiner Tochter und freut sich über ihre Besuche. "Heute ist Heimat da, wo meine Tochter ist. Heimat ist alles für mich."

Nach der Geburt muss Josef zur Marine zurückkehren. Zuletzt legt das Schiff 1945 mit 6000 Mann an Bord in Richtung einer russischen Minensperre ab und wird angegriffen. "Das letzte halbe Jahr auf der Ostsee war nicht einfach. Der Flüchtlingsrückzug hatte begonnen, viele der Flüchtlinge ertranken im Meer. An jenem Morgen hörten wir die Torpedos bei Sonnenaufgang. Die Flugzeuge ließen die Bomben fallen. Unser Schiff zerbarst. Es sank. Ich kämpfte im eiskalten Wasser ums Überleben, bis mich Hände packten und heraus zogen. Mein ganzer Körper war blau und gelb vor Kälte."

Noch heute sind Narben der tiefen Schusswunden aus dem Krieg sichtbar. Foto: Bauch Jana

Josef wird daraufhin in ein Lazarett in Swinemünde gebracht. Von dort aus soll er nach Bayern übergeben werden. Zwischen Aschaffenburg und Schweinfurt wird auch der Lazarettzug beschossen. Die Blitzförmigen Narben an Josefs Armen und Handgelenk sind ein sichtbares Mal der vielen Schüsse. "Hätte ein Kollege meine Arme nicht abgebunden, wäre ich verblutet," vermutet Josef. Mit 20 Mann wird er auf einen Lastwagen gepackt. Der Lastwagen fährt Richtung Heimat, Josef kann in Hemmerden aussteigen. Er wiegt nur noch 45 Kilogram und ist an Wunddiphterie erkrankt.

Zuhause warten schon Frau und Tochter auf ihn. Der Bauernhof seiner Familie jedoch ist ein Trümmerhaufen. Während der Hof nach und nach wieder neu errichtet wird, kommt die junge Familie in einer Drei-Zimmer-Baracke einer Wirtschaft unter. Eine Hochzeit, die dem jungen Glück zwei Jahre zuvor noch verwehrt war, kann nun nachgeholt werden. "Wir waren das erste Paar, das 1945 nach dem Krieg in der Kirche Glehn getraut wurde. Gefeiert haben wir im kleinen Kreis."

Erst findet Josef Arbeit in einer Teppich-, anschließend in einer Stahlfabrik. Auch seine Frau Johanna findet Arbeit. Glückliche Jahre folgen. Gemeinsam unternimmt das Ehepaar besonders gern Ausflüge in die Heimat der Niederländerin. Einmal monatlich geht es mit einem Bus nach Venlo. Zum Einkaufen und Essen: Bami Goreng. Auch Norddeich und Zeeland sind beliebte Urlaubsziele, um Spaziergänge am Meer zu genießen. Bis die Tage schließlich nicht mehr so unbeschwert sind. Seine Frau erkrankt. Das letzte große gemeinsame Fest ist die Eiserne Hochzeit 2010. Nach 68 Jahren Ehe stirbt seine Johanna 2013. Josef vermisst sie sehr.

Noch ein Jahr lang wohnt Josef auf seinem Bauernhof. Dann muss er umziehen, weil ihm das Treppensteigen nicht mehr möglich ist. "Es ist mir schwergefallen, das Haus meiner Eltern zu verlassen. Dort wurden meine Tochter und ich geboren. Wir sind dort aufgewachsen, über mehrere Generationen. Nun ist es ein bisschen unwirklich, nicht mehr dort zu sein. Es ist fast wie in einem Film, wenn ich zurückdenke." Seit vier Jahren wohnt Josef nun im Caritaszentrum Giesenkirchen. An die festen Essenzeiten hier muss er sich erst gewöhnen. Der 96-Jährige schätzt die vielen Freizeitangebote des Heims: Kegeln, Tanzen und Singen gefallen ihm besonders gut. Josef holt tief Luft und beginnt mit voluminöser Stimme zu singen: "Man müsste noch mal zwanzig sein und so verliebt wie damals." Er macht eine Pause und fährt fort: "Singen und Tanzen macht mich glücklich. Es ist, als würden die alten Zeiten wieder aufleben. Zu Festtagen ziehe ich immer meine rote Fliege an."

Für die Zukunft hat Josef einen Wunsch: "Vor vier Monaten bin ich noch jeden morgen spazieren gegangen. Seitdem habe ich eine Erkältung verschleppt. Die Runde allein zu drehen ist mir so zu gefährlich. Das Spazieren vermisse ich sehr. Ich hoffe, dass ich mein kleines Ritual bei mehr Sonne wieder fortsetzen kann." Josef lehnt sich zurück und blickt aus dem Fenster. Er lächelt zufrieden. Der Frühling kommt.

* Josef K. will nur bei seinem Vornamen angesprochen werden. Wir respektieren das. Die Serie ist mit dieser Folge beendet.

(RP)