Krefeld: Neue Spur zur Lösung des Mondrian-Rätsels

Krefeld: Neue Spur zur Lösung des Mondrian-Rätsels

Neue Variante im Streit um das Eigentum an den Mondrian-Bildern im Kaiser-Wilhelm-Museum. Sie könnten aus dem Privatvermögen des mit dem Künstler befreundeten ehemaligen KWM-Direktors Max Creutz stammen. Es gibt Hinweise -und mögliche neue Erbberechtigte.

Die Fronten sind klar. Erben aus den USA haben Anspruch auf die Rückgabe der vier Bilder von Piet Mondrain im Besitz des Kaiser-Wilhelm-Museums erhoben. Die Stadt habe sich die kostbare Malerei einverleibt und deren Herkunft verschleiert, erklärten Anwälte in einem Schreiben an den Oberbürgermeister (wir berichteten).

Die Stadt reagierte prompt: Sie verbitte sich jedwede Art der Verdächtigung ihrer ehemaligen Museumsdirektoren hinsichtlich Veruntreuung und Vertuschung im Hinblick auf die Herkunft der Bilder. Die Stadt könne keinen berechtigten Anspruch der Nachfahren des Erben des Mondrian-Nachlasses erkennen.

Nun bekommt der Fall womöglich eine neue Dimension. Es könnte weitere Erben geben, die einen berechtigten Anspruch auf die Kunstwerke geltend machen könnten. Die Spur führt zu Paul Wember, dem Nachfolger von Max Creutz als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Museums. Er schrieb in seinem Buch "Kunst in Krefeld" aus dem Jahr 1973, dass Creutz jahrelang freundschaftliche Kontakte zu dem niederländischen Maler Piet Mondrian, aus dessen Urheberschaft Werke inzwischen für mehr als 50 Millionen US-Dollar auf Auktionen versteigert werden, gepflegt habe. Das sei um so glaubhafter, als Creutz seine ganz eigene Art im Umgang mit Künstlern hatte. Gerne traf er sich bei einem Glas Wein in ungezwungener Atmosphäre, um sich auszutauschen. Verbrieft sind freundschaftliche Runden mit Heinrich Campendonk, Johan Thorn Prikker, Helmut Macke, Heinrich Nauen, Fritz Huhnen und Josef "Jupp" Strater.

Konkreter wird Wember im Hinblick auf Mondrian, der 1944 in New York starb. Zu dem bis heute nicht enträtselte Faktum des Erwerbs der Mondrian-Bilder - es waren ursprünglich acht Arbeiten - gebe es aus Wembers Sicht nur eine Erklärung. Die Bilder waren nirgendwo -etwa in einem Inventarverzeichnis -eingetragen. "Des Verfassers Vermutung geht dahin, dass Creutz Mondrian gebeten hat, ihm die Bilder für einen Zeitraum von vier Jahren - von 1922 bis 1925 - zu überlassen, sie persönlich bezahlt hat - die Bilder waren damals nicht teuer, und Creutz war nicht unvermögend -, sie dann aus Angst vor den Kommissionen und auch vor der Öffentlichkeit versteckte", schreibt Wember wörtlich.

Der Krefelder Künstler Fritz Huhnen erinnere sich "ganz sicher" an zwei Bilder Mondrians in "des Freundes Besitz". Dann seien sie vergessen worden. Mit der Aktion Entartete Kunst der Nazis habe die Angelegenheit nichts zu tun, bilanzierte Wember. Sie habe viel später stattgefunden. Max Creutz starb am 13. März 1932. Wember selbst habe die Werke erst 1950 unter - so seine eigene Formulierung "merkwürdigen Umständen" gefunden. Die Stadt bestätigt das in ihrer Stellungnahme zu den Forderungen aus den USA, die von der Witwe Harry Holtzmans und deren drei Kindern erhoben wird. Holtzman war der beste Freund und Erbe des Nachlasses von Piet Mondrian.

  • Krefeld : Mondrian - Anspruch der Erben verjährt

Die Stadt teilte mit: "Im Jahr 1950 sind insgesamt acht Werke von Piet Mondrian im Kaiser Wilhelm Museum aufgefunden worden. Es gibt Vermutungen, wonach sie im Jahre 1929 im Rahmen eines geplanten Ausstellungsprojektes nach Krefeld gekommen sein könnten. Einen Beweis hierfür gibt es allerdings nicht. Vier dieser Werke befinden sich bis heute im Besitz des Museums. Vier weitere Arbeiten wurden vom damaligen Museumsdirektor Paul Wember gegen Papierarbeiten der klassischen Moderne getauscht."

Paul Wember, der bis 1975 das Museum geleitet hat und 1987 verstorben sei, habe die Arbeiten immer wieder gezeigt und ins In- und Ausland verliehen.

Ob Wember sich korrekt verhalten hat, lässt sich wahrscheinlich nicht mehr aufklären. Wenn der frühere Direktor davon ausgegangen ist, dass die Mondrian-Bilder von Creutz privat erworben und aus eigenem Vermögen bezahlt worden sind - was im Übrigen erklären würde, warum sie nicht im Inventarverzeichnis des Kaiser-Wilhelm-Museums auftauchen -, dann würden die kostbaren Kunstwerke den Erben von Max Creutz zustehen. Warum Wember über die Malerei dennoch verfügte und gar gegen Grafiken eintauschte, ist vor diesem Hintergrund zweifelhaft.

Die Anwälte der US-Erben gehen von einem Streitwert in dreistelliger Millionenhöhe aus. Sollte es zu Rechtsstreitigkeiten vor Gericht kommen, ist es für die Stadt Krefeld von Bedeutung, wo der Gerichtsstand sein wird - in Deutschland oder in den USA. Bekanntlich geht die Justiz in beiden Ländern mit solchen Sachverhalten anders um. Wie zu erfahren war, geht die Stadt Krefeld davon aus, dass deutsche Gerichte über den Anspruch der US-Erben befinden werden.

Ob aus dem Streit über das Eigentumsrecht zwischen den beiden Parteien ein Dreikampf werden könnte, ist derzeit unabsehbar. Die Erben von Max Creutz hätten schon seit der Buchpublikation 1973 von ihrem möglichen Anspruch erfahren können. Bislang sind in dieser Richtung offenbar keine Anstrengungen unternommen worden - für Eigentumsrechte gibt es keine Verjährung.

(sti)
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