Interview Hans-Willi Winden: Der Montessori-Gründungskrimi

Interview Hans-Willi Winden : Der Montessori-Gründungskrimi

Die Geschichte, wie ausgerechnet die katholische Kirche die erste Gesamtschule Krefelds gründete, ist spannend. Es gab innerkirchlich erbitterten Streit. Wir sprachen mit Schulleiter Winden über die Geburtswehen der Montessori-Schule.

Als die Bischöfliche Maria- Montessori-Gesamtschule 1977 gegründet wurde, tobte noch ein Kulturkampf. Die Gesamtschule war das Lieblingsprojekt der Sozialdemokratie und eine Art "Gott sei bei uns" konservativer Pädagogen. Und dann kommt ausgerechnet die katholische Kirche und gründet eine solche Schule. Wie konnte das passieren?

Winden (lacht) Es geht ja noch weiter. Das Projekt ist ausgerechnet vom damaligen Aachener Bischof Johannes Pohlschneider angestoßen und verfochten worden, der zum eher konservativen Flügel der Kirche gezählt wurde. Der Streit um die Gesamtschule tobte also nicht nur politisch in der Stadt Krefeld und im Land NRW, sondern auch innerhalb der katholischen Kirche. Der damalige Bischof von Essen, Kardinal Hengsbach, war zum Beispiel ein erbitterter Gegner der Gründung einer kirchlichen Gesamtschule in Krefeld.

Und was gab den Ausschlag, keine gymnasiale Elite-Schmiede, sondern eine Gesamtschule zu gründen?

Winden Das hatte im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen wünschte die Kirche, eine weiterführende Schule für die behinderten Kinder ihrer benachbarten Grundschule zu schaffen. Erster Plan war es, ein Gymnasium und eine Hauptschule zu gründen. Das Land hat das aber abgelehnt und die Gründung eines Schulzentrum mit Gymnasium, Haupt- und Realschule gefordert. Dazu aber sah sich das Bistum schon aus finanziellen Gründen nicht in der Lage. Die Lösung war die Gesamtschule. Der zweite Grund lag in der besonderen Ausrichtung der Montessori-Pädagogik. Bischof Pohlschneider hatte gute persönliche Kontakte zu einer der führenden Montessori-Pädagoginnen der Zeit, Helene Helming. Pohlschneider kam aus dem Münsterland, wo es eine starke Montessori-Bewegung gab. Er kannte Helene Helming von Kindesbeinen an, und er vertraute ihr und ihrem Urteil. Wichtig war auch, dass Maria Montessori ihre pädagogischen Einsichten zuerst an behinderten Kindern gewonnen hatte. Es passte also alles.

Und das, obwohl Maria Montessori als unverheiratete Frau, die sogar ihr Kind aus der Hand gegeben hat, nicht gerade eine vorbildliche Katholikin war.

Winden Das mag stimmen. Aber es gibt in ihrer Pädagogik sehr wohl eine tiefe religiös-spirituelle Komponente, die kompatibel ist mit dem katholischen Glauben. Das wurde auch in Krefeld gesehen, wo mehr und mehr katholische Eltern eine reformpädagogisch ausgerichtete schulische Erziehung und Bildung im christlichen Geist für ihre Kinder wünschten, sie zum Teil zur Waldorfschule schickten. . .

. . . obwohl die zugrunde liegende Anthroposophie nun wirklich weit weg ist vom Bekenntnis der beiden großen christlichen Konfessionen . . .

Winden . . . in der Tat, und das gefiel der katholischen Geistlichkeit nicht. Insofern wurde die katholische Montessori-Schule auch als Alternative gesehen.

Wie ist die Schule in Krefeld aufgenommen worden?

Winden Oh, anfangs ist sie eher misstrauisch beäugt worden, und es gab hässliche Parolen wie "Mongo-Schule". Das endete aber schlagartig mit dem ersten Abiturjahrgang, als sich zeigte: Man wird dort ordentlich zum Abitur geführt. Von da an hat sich bis heute ein sehr kooperatives Verhältnis zu den Krefelder Schulen und zur Stadt Krefeld entwickelt.

Die Schule besteht nun 40 Jahre. Ist die Montessori-Pädagogik noch prägend im Schulalltag oder mehr ein schmückendes Banner im Wind?

Winden Das ist für mich eine entscheidende Frage. Wir wollen den Namen Montessori nicht nur als Banner vor uns hertragen. Es ist nicht ganz einfach gewesen, die Montessori-Pädagogik von einer Elementar- und Grundschulpädagogik auf eine weiterführende Schule hin weiterzuentwickeln. Wir haben aber entsprechende Lernformen in diesem Geist entwickelt. Dazu zählen zum Beispiel die wöchentlichen Projekttage für jeden Schüler in den Klassen neun und zehn: Ein Tag in der Woche ist Schülerprojekten gewidmet - zurzeit ist etwa eine Gruppe damit beschäftigt, die Geschichte der Schule aufzuarbeiten. In der Oberstufe wird es zunehmend schwierig, solche Akzente zu setzen, da die staatlichen Vorgaben sehr strikt sind und von uns als Ersatzschule einzuhalten sind.

Man spricht auch gern vom Geist einer Schule. Gibt es den wirklich, oder ist das nicht ein PR-Gag für die Tage der offenen Tür?

Winden Es gibt ihn, auch wenn er schwer fassbar ist. Ich glaube, es geht im Kern um die Art der Kommunikation und den Umgang miteinander. Bei uns gibt es aber seit einigen Jahren einen Schulgeist namens Tessi, der sich vor Weihnachten am letzten Schultag im Foyer an Schüler und Lehrer wendet.

Wie das?

Winden Tessi berichtet, was ihm übers Jahr aufgefallen ist - im Guten wie im Schlechten. Die Schüler mögen das und gehen nicht nach Hause, bevor sie Tessi erlebt haben, der in Form einer "luftigen" Geistgestalt erscheint. Das ist auch ein Moment der Reflexion, der wichtig ist für die Schulgemeinschaft.

Wer steckt hinter Tessi?

Winden Mein Stellvertreter Ulrich Reismann sammelt übers Jahr Stoff für Tessi und ist sein "Redenschreiber".

Sind alle Schüler und Lehrer bei ihnen katholisch?

Winden Nein. Wir haben auch evangelische Lehrer und etwa 20 Prozent evangelische Schüler. Dazu kommen durch die Flüchtlinge auch koptische, orthodoxe und muslimische Schüler. Wir haben im Übrigen die Erfahrung gemacht, dass sich besonders bildungsorientiere Protestanten für unsere Schule interessieren. Ich wette: Wenn in der Stadt eine evangelische Schule gegründet würde, sie bräuchte sich über Nachfragen nicht zu beklagen.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)
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