Weeze: Otto-Dorf - fast ein Weezer Ortsteil

Weeze: Otto-Dorf - fast ein Weezer Ortsteil

Auf dem Flughafengelände hat eine niederländische Leiharbeitsfirma rund 900 Beschäftigte untergebracht. Sie kommen aus osteuropäischen Ländern. Die Arbeiter wohnen dort, wo früher die Soldatenfamilien lebten.

Daniel ist 29 Jahre alt und gut ausgebildet. Er ist Lehrer. Aber für 300 Euro im Monat arbeiten will er nicht. Deshalb hat der Pole, bis er genauere Pläne für seine Zukunft hat, für eine Weile seine Heimat verlassen. Daniel arbeitet für die Firma Otto in den Niederlanden. Und Daniel wohnt derweil auf dem Flughafengelände in Weeze — gemeinsam mit bis zu 900 weiteren Leiharbeitern.

Daniel (oben) schreibt eine SMS nach Hause. Hans Leenen (re.) unterhält sich in einer möblierten Wohnung mit einem slowakischen Gastarbeiter. Foto: seyb

Allein in der Siedlung gleich links hinter dem Eingang zum Gelände leben 450 Männer und Frauen, in einigen größeren Komplexen noch einmal so viele. Damit ist Otto-Town" fast so groß wie der Weezer Ortsteil Wemb (rund 1000 Einwohner). Kein Wunder, dass der Zensus, was die exakte Einwohnerzahl von Weeze angeht, zuletzt etwas ins Schleudern kam.

Daniel (oben) schreibt eine SMS nach Hause. Hans Leenen (re.) unterhält sich in einer möblierten Wohnung mit einem slowakischen Gastarbeiter. Foto: seyb

Wie berichtet, hat die jüngste Volkszählung fast 800 Einwohner weniger ergeben als erwartet. "Unsere Zahlen variieren ziemlich stark, weil Otto immer wieder eine ganze Reihe Leute an- oder abmeldet", erklärt Ordnungsamtsleiter Georg Koenen.

So ist jede Zählung eine Momentaufnahme. "Ob die Mitarbeiter bei der Gemeinde registriert werden, hängt unter anderem davon ab, wie lange sie vermutlich bleiben werden", sagt Hans Leenen, als "Facility Manager" der Chef vor Ort. Daniel aus Polen etwa kam vor drei Monaten und will noch sechs Monate bleiben — so lange ist er Weezer.

Der studierte Lehrer arbeitet in dem niederländischen Logistikunternehmen Edco. Morgens früh fahren ihn und eine Reihe anderer "Weezer" mehrere Kleinbusse über die Grenze. Die Männer und Frauen, die aus Polen, Tschechien und der Slowakei stammen, arbeiten im Lager, im Versand, montieren Gegenstände, fahren Gabelstapler. Für deutlich mehr als (die polnischen) 300 Euro im Monat. "In den Niederlanden gilt ein Mindestlohn von neun Euro; wenn Unternehmen ihren regulären Arbeitnehmern mehr zahlen, gibt es das auch für Zeitarbeiter", versichert Hans Leenen. Wobei seine Leute einen Teil ihres Lohns für Unterkunft und Transport abgezogen bekommen.

Wo früher Soldatenfamilien lebten, sind heute (pro Reihenhaus) sechs Otto-Mitarbeiter untergebracht. Küche und Wohnzimmer nutzen sie gemeinsam, außerdem gibt es jeweils drei Schlafzimmer. "Wir haben alle Häuser renoviert und funktional eingerichtet", erklärt Hans Leenen. Kühlschrank, Waschmaschine und Trockner sowie Mikrowelle sind Standard, oben geht es etwas rustikaler zu. Hier und da hängt ein Kreuz an der Wand — auch unter jungen Leuten gibt es in Polen viele sehr gläubige Katholiken.

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Was machen die Leiharbeiter in ihrer Freizeit? Daniel sitzt mit dem Handy auf einer Bank auf der Wiese und schreibt SMS. Der Slowake Lukas ist in Gedanken ebenfalls daheim und schreibt auf seinem Laptop eine längere E-Mail. Daniels Schwester lebt in Köln — er besucht sie an den Wochenenden. "Dann bin ich wenigstens in einer Stadt", sagt er, der nicht dauerhaft auf dem Land leben möchte.

Langeweile ist für viele der Kollegen ein Thema. Manche greifen deshalb zu Drogen, deutet der Pole im Gespräch an. Man könne sie in den Niederlanden ja leicht besorgen. "Deshalb gibt es manchmal Probleme."

Wer aber Geld verdienen und seinen Job nicht loswerden möchte, setzt sich vor den (zur Verfügung gestellten) Fernseher, grillt mit den Nachbarn oder sieht sich in der Umgebung um. "Viele der Leute haben ihr eigenes Auto und können natürlich außerhalb der Arbeitszeit machen, was sie wollen", sagt Leenen. Bei einer Anzahl von Menschen, die der Einwohnerschaft von Wemb ähnelt, kommen natürlich auch Alkoholmissbrauch, Unfälle und rechtliche Verfehlungen vor. "Aber wir haben mit der Adresse ,Flughafenring' nicht mehr zu tun als mit Bewohnern anderer Gegenden", versichert Polizei-Pressesprecher Manfred Jakobi.

Im Otto-Dorf ist es tagsüber sogar ruhiger als anderswo. Wer nicht arbeitet, schläft sich nach der Nachtschicht aus oder ruht vor der Spätschicht.

Oder schreibt nach Hause.

(RP)
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