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Hilden: Kinder kämpfen gegen die Pfunde

Hilden : Kinder kämpfen gegen die Pfunde

Das Projekt Leichter Fit der Stadt Hilden richtet sich an stark übergewichtige Kinder. Diplom-Psychologin Sandra Kratz erläutert die Erfolgsaussichten.

Das Projekt "Leichter Fit" der Stadt Hilden in Zusammenarbeit mit Kinderärzten richtet sich an stark übergewichtige Kinder und Jugendliche. Sandra Kratz sprach im Vorfeld mit betroffenen Heranwachsenden und ihren Eltern, um Motivation und Erfolgschancen auszuloten. RP-Redakteurin Birgit Sicker unterhielt sich mit der systematischen Familientherapeutin.

Welchen Zweck hatten Ihre Gespräche mit den Familien?

Kratz Wir haben in diesen Erstinterviews die Eltern aufgeklärt, was wir im Projekt "Leichter fit" machen. Gleichzeitig wollten wir herausfinden, ob die Familien ins Projekt passen, ob sie motiviert sind.

Welche Familien interessieren sich für das Projekt?

Kratz Es sind die unterschiedlichsten Menschen, die kommen. Viele Eltern wussten schon lange, dass ihre Kinder zu dick sind, dachten aber: Das verwächst sich. Die wenigsten haben schon vorher Hilfe gesucht, vielleicht mal eine Eigendiät probiert. Jetzt sind sie erleichtert, dass sie konkrete Hilfe bekommen.

Wie groß ist das Engagement?

Kratz Die meisten sind hochmotiviert, weil sie einen hohen Leidensdruck haben. Gerade die Älteren, bei denen das körperliche Bewusstsein ausgeprägter ist. Mädchen, die superschlank sein und enge Jeanshosen tragen wollen, oder Jungs, die im Sport hinterherhinken. Es gibt verschiedene Extreme.

Welche Probleme haben die Kinder noch?

Kratz Manche ziehen sich zurück, sind schüchtern, haben kein Selbstbewusstsein, sind leise. Andere werden laut, spielen den Pausenclown, versuchen so, das etwas andere zu überdecken. Das ist wie ein Teufelskreis: Die Kinder ärgern sich, dass sie dick sind, haben keine Freunde, gehen wenig raus — und werden noch dicker, weil sie keine Bewegung haben. Sie sitzen vor dem Computer und essen Süßigkeiten, um die Seele zu trösten.

Wie wichtig ist Bewegung?

Kratz Bewegung hat einen positiven Einfluss auf die körperliche Fitness, auf das Selbstbewusstsein und zuletzt auf das Gewicht. Sport heißt: mal rauskommen, in der Gruppe Spaß haben und nicht immer der Letzte auf der Bank sein. Wichtig sind vor allem die Alltagsaktivitäten. Hinzu kommt dann die falsche Ernährung. Viele Jugendliche haben oft eine falsche Ernährung mit viel Zucker. Das Ganze ist verzwickt: Es gibt Schulprobleme, die Kinder werden gemobbt und sie ernähren sich ungesund.

Welche Eltern wenden sich an Sie?

Kratz Es kommen die unterschiedlichsten Eltern. Bei manchen alleinerziehenden Eltern gab es im Vorfeld Streitigkeiten und häufig erlebten die Kinder den Verlust einer Bezugsperson. Bei anderen Familien müssen die Mütter arbeiten, weil es finanzielle Schwierigkeiten gibt. Manche greifen dann zu Fertigprodukten, weil es an der Zeit fehlt zu kochen. Gerade Dickmacher sind aber besonders preiswert. Chips sind zum Beispiel viel billiger als eine Schale Erdbeeren. Frisches Obst können sich diese Familien finanziell oft nicht leisten.

Die Umgebung spielt also eine wichtige Rolle für das Übergewicht?

Kratz Kinder haben viele Wünsche, aber alles kostet Geld, zum Beispiel Reitunterricht oder ein Fahrrad. Heutzutage merkt man deutlich das Konsumverhalten. Früher waren die Kinder viel draußen, haben sich mit den einfachsten Dingen beschäftigt. Häufig werden Kinder sehr dick, die noch im Säuglingsalter Probleme gemacht haben, weil sie nicht essen wollten. Das typisch dicke Kind gibt es aber nicht.

Wie wichtig ist das Vorbild der Eltern?

Kratz Bei mehr als der Hälfte der Familien ist mindestens auch ein Elternteil übergewichtig. Deshalb ist es ganz wichtig, dass die Eltern beim Projekt dabei sind und zusammen mit den Kindern mehr Sport treiben und sich gesund ernähren. Oft wurden die Eltern schon in jungen Jahren dick und möchten jetzt nicht, dass auch ihr Kind gehänselt wird.

In welchem Alter lauert die Gefahr?

Kratz Es beginnt gerade in der Zeit, wenn die Kinder in die Schule kommen. In der 1. Klasse müssen sie sitzenbleiben, haben nur zwei Pausen, in denen sie herumrennen. Wer im Kindergartenalter noch Babyspeck hatte, nimmt häufig in der Schule weiter zu.

Wer ist für das Projekt geeignet?

Kratz Es ist ganz wichtig, dass Kinder und Eltern etwas verändern wollen und das Bewusstsein dafür haben. Vor allem aber: das Projekt bietet Platz für jene, die es alleine nicht schaffen.

(RP)