Düsseldorf: Hausbesuch beim Ballett

Düsseldorf: Hausbesuch beim Ballett

In seinem Trainingszentrum in Bilk studiert das Ballett am Rhein neue Stücke ein. Anlässlich des Kultursalons der Rheinischen Post waren Leser zum Rundgang geladen. Sie durften auch bei den Proben für eine Uraufführung zusehen.

Auf diese Klarstellung legt Oliver Königsfeld besonderen Wert: Das Balletthaus der Deutschen Oper am Rhein ist kein Tanzhaus. Umso großartiger findet er es, dass Düsseldorf beides hat, das Tanzhaus NRW an der Erkrather Straße und das neue Balletthaus an der Merowingerstraße in Bilk. Seit Beginn der Spielzeit 2015/2016 probt hier das Ballett am Rhein, in direkter Nachbarschaft zum historischen Rheinbahn-Depot "Am Steinberg". Oliver Königsfeld ist der Betriebsdirektor dieses hochmodernen Trainingszentrums. Auf rund 3000 Quadratmetern bietet sein Haus den 45 Tänzerinnen und Tänzern optimale Arbeitsbedingungen.

Zum Balletthaus gehören nicht nur Probebühnen, sondern auch Schulungsräume, ein Schuhlager oder Räume für Physiotherapie. Foto: Endermann Andreas

Für den Kultursalon der Rheinischen Post, den die Zeitung in Kooperation mit der Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland veranstaltet, gewährte Königsfeld seinen Gästen nun exklusive Einblicke in das einzigartige Gebäude. Tatsächlich ist es nicht leicht, in Deutschland oder Europa vergleichbare Balletthäuser zu finden. Als sich die Stadt entschloss, der Compagnie von Martin Schläpfer ein neues Gebäude zu errichten, reiste Oliver Königsfeld durch die Lande und sammelte Ideen. Die meisten Ballettgruppen müssen, wie er dabei feststellte, innerhalb der Opernmauern trainieren und proben. Wegen der Veränderungen bei der Kunstform Ballett führt das jedoch zu räumlichen Engpässen. "Früher nahm die Ausstattung auf der Bühne einen großen Raum ein, heute besetzen die Tänzer meist die ganze Fläche", erläuterte der Experte bei seiner Führung. "Wenn also auf der großen Bühne des Opernhauses getanzt wird, muss die Probebühne vergleichbar sein." Von den fünf Studios des Balletthauses sind deshalb zwei mit großer Fläche angelegt. "Für mich ist die Merowingerstraße ein Traumhaus," schwärmt Königsfeld.

Nach dem Rundgang durchs Haus durften unsere Leser eine Probe von Remus ucheanã und seinen Tänzern besuchen. Foto: Endermann Andreas

Für dieses Traumhaus hat er beispielsweise nach einem Besuch im schottischen Glasgow die Idee entwickelt, in den Studios jeweils ein bodentiefes Fenster zu installieren: "Gedanklich sollen die Tänzer bei ihrer Arbeit alles vergessen, was nicht zum Thema gehört. Ein Blick auf die Außenwelt hilft aber bei der Bodenhaftung", sagt Königsfeld. Wie passen hierzu die vier Schlafkabinen, die es in der zweiten Etage des Hauses gibt? Sie sind das Ergebnis von Untersuchungen über Konzentrationsphasen an der Berliner Charité. Nicht nur die Skifahrer kennen das: Am Nachmittag lässt die Konzentration nach, und es steigt das Verletzungsrisiko. "Power Napping" - auf gut Deutsch: ein kleines Mittagsschläfchen - regeneriert den gestressten Körper. Hier, ganz oben im Gebäude, gibt es auch eine Sauna und Räume für Physiotherapie. Sogar ein Apartment für Gastkünstler gehört dazu, falls mal während großer Düsseldorfer Messen die Hotelzimmer knapp werden.

Eigentlich ist das Balletthaus für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, aber es gibt dort auch eine Ballettschule. Sie ist auf der ersten Etage untergebracht. Eine Talentschmiede für den Nachwuchs des Opernhauses? Oliver Königsfeld wehrt ab: "Natürlich haben fast alle unsere Tänzer eine berufliche Vorgeschichte, die bis in die Kinderjahre zurückreicht." Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Tanzkarrieren bereits mit 30 Jahren ihren Zenit überschritten haben.

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In einem Studienraum können die jungen Ballettschüler bei Bedarf ihre Hausaufgaben machen. Dort findet aber auch der Deutschunterricht für die international ausgerichtete Compagnie statt. "Ich habe heute Morgen nichts gegessen", steht auf einer Tafel. Das ist kein Satz zur Fastenzeit, sondern dient der Einübung des Perfekts als grammatisches Tempus.

Von vielen "Ahs" und "Ohs" begleitet war dann der Besuch des Schuhlagers. Jede Tänzerin und jeder Tänzer hat hier eigens angefertigte Spitzenschuhe mit Schellackverstärkung. Je nach Beanspruchung halten sie nur wenige Aufführungen durch. Ihre "Ballettschläppchen" färben und binden sich alle Tänzer nach persönlichem Wohlgefühl.

Den Abschluss und eigentlichen Höhepunkt des Kultursalons bildete für die rund 60 Gäste dann der Besuch einer Probe mit dem neuen Ballettdirektor Remus ucheanã. Seine Uraufführung von "Abendlied", einem Ballett zu Franz Schuberts berühmtem Klaviertrio, wird den Abschluss von "b.35" bilden und Ende April im Opernhaus Premiere feiern. "Diese Musik bietet mir die Grundlage für harmonische und romantische Szenen", erläuterte der Choreograf sein Programm. "Zugleich scheint aber in dieser Idylle immer wieder eine tiefliegende Zerrissenheit hindurch." Eine Stunde lang wurden die Gäste Zeugen äußerst detaillierter Arbeit an Körperstellung und Bewegung. Hierzu noch einmal Oliver Königsfeld: "Wenn ein Choreograf schnell ist, schafft er in einer Stunde das Endprodukt von einer Minute."

(RP)
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