Düsseldorf: Die "Jungs" sind wie eine zweite Familie

Düsseldorf: Die "Jungs" sind wie eine zweite Familie

Einmal im Jahr lädt Sepp Hein seine erste Klasse aus der Benrather Realschule ein - diese Tradition lebt seit 45 Jahren.

Sepp Hein steht hinter der gemütlichen Bar in seinem Keller. Auf den Barhockern haben "seine Jungs" Platz genommen. Zwar sind aus den Jungs längst Männer geworden, aber die Schüler, die Sepp Hein vor 45 Jahren an der Realschule in Benrath als Lehrer ins Leben entließ, sind "seine Jungs" geblieben. Jedes Jahr im Februar lädt er sie zum großen Wiedersehen ein.

Vor 45 Jahren hatte er ein Fässchen Bergisches Pils aus einer der benachbarten Brauereien besorgt. Seine Jungs protestierten entschieden. Seitdem gibt es klassisches Alt, wie es sich gehört. Lachend erinnert sich der Solinger mit seinen ehemaligen Schülern an jenes erste Treffen kurz nach dem Schulabschluss 1973. "Ich hatte den Haufen gerade ins Leben entlassen", erzählt er, "und dann kamen sie mit ihren Schlafsäcken und wir begründeten eine Tradition."

Vier Jahre lang hatte Sepp Hein die Benrather Schüler zuvor unterrichtet. "Es war meine erste Klasse nach dem Referendariat", erinnert er sich. Eine reine Jungenklasse. Der Direktor hatte sie als schwierig und chaotisch beschrieben, bevor er seinen neuen Lehrer zu den Schülern schickte. Aber Sepp Hein schloss die Jungs damals direkt in sein Lehrerherz.

Lehrer Sepp Hein und seine erste Abschlussklasse der Benrather Realschule vor 45 Jahren. Foto: Köhlen

Und auch die Schüler entdeckten schnell: Der neue Lehrer ist etwas Besonderes. "Er wurde erst zum Lehrer, dann zur Vaterfigur und zu einem Freund", sagt Udo Spilles, der damals die Jungenklasse besuchte, "heute ist diese Gruppe wie eine zweite Familie. Wir sind ein eingeschworener Verein."

Und viele Erinnerungen sind lebendig: An jenen Tag, als ihr Lehrer Geburtstag hatte, die Schüler aus dem Fenster stiegen und im Büdchen gegenüber ein Fässchen Bier kauften. "Das haben wir uns dann im Musikkeller schmecken lassen", erzählt Sepp Hein. Oder die Abschlussfahrt nach London, auf die ihn Ehefrau Ruth begleitete. Zum Abschied schenkten seine Jungs ihm einen Papageien - einen echten. "Der flatterte bei uns Zuhause rum, redete ununterbrochen und einmal bewarf er meine Frau mit einer Vase", erzählt Hein. Am Ende wurde das Tier gegen ein totes Kaninchen getauscht.

Seine ersten Schüler gingen in die weite Welt, Sepp Hein bekam seine nächste Klasse. Aber der Kontakt zu den Schülern, die nun langsam zu Männern wurden, riss nie ab. Einmal im Jahr standen sie in Solingen vor der Tür. Nicht alle 29, aber zehn von ihnen. "Eigentlich hat er all die Jahre auf uns aufgepasst", sagt Andreas Lukas. Bei beruflichen Entscheidungen hat er geholfen, bei den Hochzeiten der Jungs waren Ruth und Sepp Hein dabei, sie freuten sich mit, als Kinder und Enkelkinder zur Welt kamen.

Und auch ihre eigenen Töchter schlossen Freundschaft mit den Schülern, die Jahr für Jahr vor der Tür stehen. "Wenn wir in den Keller zur Bar kommen, dann ist einfach alles wie immer", sagt Michael Fleischhauer, "dann machen wir da weiter, wo wir im Jahr zuvor aufgehört haben." Ein Fässchen wird angeschlagen, Ruth Hein kocht ein köstliches Abendessen und die Männer schwelgen bis tief in die Nacht in Erinnerungen.

(RP)