Jägerprüfung NRW: Der schwierige Weg zum Jagdschein

Jägerprüfung in NRW : Der mühsame Weg bis zum Waidmannsabitur

Um eine Jägerprüfung zu bestehen, muss mancher mehr lernen als für den Schul- oder den Uni-Abschluss. Auch muss er mehrere tausend Euro ausgeben - dennoch nimmt die Zahl der Jäger in NRW seit Jahren zu. Ein 53-Jähriger erzählt, warum er die Mühe auf sich nimmt.

Um eine Jägerprüfung zu bestehen, muss mancher mehr lernen als für den Schul- oder den Uni-Abschluss. Auch muss er mehrere Tausend Euro ausgeben - dennoch nimmt die Zahl der Jäger in NRW seit Jahren zu. Ein 53-Jähriger erzählt, warum er die Mühe auf sich nimmt.

Frank Straube beim Tontaubenschießen. Foto: Boisserée

Stille. Ein Ruf: "Hepp!". Dann ein Schuss. Splitter fliegen durch die Luft, die orangefarbene Tontaube stürzt zu Boden. Frank Straube setzt die Flinte ab und nickt zufrieden: Die Schießprüfung ist bestanden, der Kölner ist dem Jagdschein an diesem Mittwochmorgen auf dem Schießstand Gürather Höhe zunächst einen Schritt näher gekommen.

Rund 1700 Menschen in NRW haben in der vergangenen Woche die staatliche Jägerprüfung abgeschlossen, bundesweit sind es rund 17.000. Der Trend setzt sich damit fort. "Sowohl die Zahl der Jagdscheininhaber als auch unser Mitgliederbestand wachsen seit etwa 15 Jahren kontinuierlich", sagt Ralph Müller-Schallenberg, Präsident des Landesjagdverband (LJV) im Gespräch mit unserer Redaktion. Insbesondere bei Frauen sei der Zulauf groß, die alte Männerdomäne wackle. "Landesweit liegen wir mittlerweile bei einem Frauenanteil von zehn Prozent. In den Kursen für Jugendliche schon bei einem Viertel."

Wer in Deutschland auf die Jagd gehen will, muss dafür drei Prüfungen bestehen: eine schriftliche mit jeweils 25 Fragen aus vier Kategorien, eine mündliche, bei der die Prüfer eine halbe Stunde lang willkürlich aus einem Katalog von 620 Fragen auswählen können, und eben die Schießprüfung, bei der mit drei verschiedenen Waffen drei verschiedene Ziele getroffen werden müssen. Die Durchfallquote lag in NRW im vergangenen Jahr bei rund zehn, bundesweit bei etwa 20 Prozent.

"Ein Jägerkurs bedeutet vor allem wenig Zeit"

Vor neun Monaten entschloss sich Frank Straube den Jagdschein zu machen. Im September begannen die Kurse, jetzt, Ende April, wird geprüft. 36 Teilnehmer haben es im Rhein-Kreis Neuss bis hierhin geschafft. Beim schriftlichen Teil am Montag scheitern zwei Prüflinge, beim Schießen am Mittwoch fallen drei weitere durch. Für Frank Straube kommt der Rückschlag am Donnerstag bei der mündlichen Prüfung. "Ich bin durchgefallen, Ende August gibt's die zweite Chance", sagt er mit trüber Stimme. Die Enttäuschung ist spürbar, die Atmosphäre erinnert an die Stimmung nach einer nicht bestandenen Abitur- oder Uni-Klausur.

Wobei: "Im Vergleich zu dem hier war das Lernen für die Abi-Prüfung damals ein Kinderspiel", sagt Straube. Wildkunde, Waldgänge, Waffenhandhabung, Jagdrecht oder Krankheiten stehen auf dem Kursplan. "Es ist nicht damit getan, nur zu den Kursen zu gehen. Man muss enormes Spezialwissen in vielen verschiedenen Bereichen haben." sagt Straube. "Ein Jägerkurs bedeutet vor allem wenig Zeit. Man ist an den Wochenenden und unter der Woche abends meist unterwegs." Auch auf Feiern oder Veranstaltungen habe er, begeisterter Karnevalist, sich zurückgehalten - nicht immer zur Freude der Ehefrau: "Wenn man abends eingeladen ist und dann früh geht, weil man früh raus muss zum Lernen – das belastet die Beziehung schon." Bis zum 29. August geht diese Phase jetzt nochmal in die Verlängerung, dann darf der 53-Jährige die mündliche Prüfung wiederholen.

Die intensive Vorbereitung hat gute Gründe: Noch immer kommt es jedes Jahr zu Jagdunfällen, sechs Tote und mindestens 25 Verletzte zählte der Deutsche Jagdverband zwischen 2014 und 2016. "Die Gesellschaft stellt zu Recht hohe Ansprüche an Jägerinnen und Jäger. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, muss die Jägerprüfung auch Hürden aufweisen", sagt Müller-Schallenberg. Wer zu wenig Fachwissen mitbringe oder in Extremsituationen schwache Nerven beweise, "den können wir nicht gebrauchen." Um Jäger zu sein, brauche es vielmehr Geduld und Beharrlichkeit - und das nötige Kleingeld.

Denn zusätzlich zum Lernaufwand müssen angehende Jäger etwa 2500 Euro mitbringen, um den Schein zu machen: So viel kosten Kurs- und Prüfungsgebühren, Fachliteratur und private Schießtrainings, dazu Kleidung und Zubehör. So viel Aufwand, um am Ende auf Tiere schießen zu dürfen?

Auf diesen Punkt fokussiert sich jedenfalls manch Jagdgegner. Der LJV-Präsident hält dagegen: "Tierschutz umfasst zwei Aspekte: Tierwohl und Tiergesundheit. Genau dafür setzen sich die Jäger ein, indem sie täglich den Tierbestand regulieren, vor Seuchen schützen oder im Straßenverkehr nach verletzten Tieren suchen." Gleichzeitig sollen die rund 90.000 Jäger in NRW laut Gesetz auch Pflanzen und Bäume in ihrem Revier pflegen und schützen. "Das war für mich ein Hauptgrund, den Schein machen zu wollen", sagt Straube. "Als Jäger habe ich ganz anderen Zugang zum Wald. Ich weiß viel mehr über die Natur. Ich höre mehr, sehe mehr, rieche mehr. Ich muss nicht zwingend Tiere schießen – ich kann auch einfach mal die Ruhe genießen."

"Ich esse Fleisch aus der Natur viel bewusster"

Doch eine grundsätzliche Jagd-Empfehlung will Straube nicht aussprechen: "Man sollte es sich gut überlegen. Wenn ich keine Zeit hätte, die Themen nicht interessant fände oder kein Blut sehen könnte, dann wäre das Alles nichts für mich." Denn natürlich geht es auch ums Töten von Tieren, die Jagd ist längst wieder ein Wirtschaftsfaktor. Über 2800 Tonnen Wildfleisch - Reh, Rotwild und vor allem Wildschwein - kamen im vergangenen Jahr aus NRW. "Die Nachfrage nach Wildfleisch wächst in den letzten Jahren immens", sagt LJV-Präsident Müller-Schallenberg. "Ich führe das auf ein neues Natur- und Ernährungsbewusstsein zurück."

Frank Straube hat selbst noch kein Tier erlegt. Dennoch habe sich sein Konsum bereits verändert. "Ich esse Fleisch aus der Natur viel bewusster, das Stück Fleisch bekommt einen ganz anderen Wert." Schon für diese Erfahrung habe sich die intensive Kurszeit gelohnt – auch wenn der Jagdschein jetzt bis Ende August warten muss.

(cbo)
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