Lebensgefühl Harley Davidson: Was hinter dem Mythos steckt.

Zweiwöchige Testfahrt mit Harleys „Fat Boy“ : „Das ist kein Motorrad, Baby ...“

Mythos Harley Davidson. Unser Autor geht dem Kult auf die Spur. Und fragt sich nach einem zweiwöchigen Selbsttest: Dürfen Harley-Fahrer eigentlich lächeln?

Als Quelle für Alltagsweisheiten wird Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ total unterschätzt. „Woher hast Du das Motorrad?“, fragt die unbedarfte Fabienne beim Blick auf eine mit Lederfransen entmannte Harley. Die historische Antwort von Butch, gespielt von Bruce Willis: „Das ist kein Motorrad, Baby, das ist ein Chopper.“

Die ungeheure Tragweite dieses philosophischen Satzes fährt mir auf einem leeren Parkplatz bei Montabaur ins Mark. Ich bin seit zwei Minuten Harley-Fahrer. In einem mehrwöchigen Selbsttest will ich herausfinden, was hinter dem Harley-Kult steckt. Auf einer „Fat Boy“. Dem Breitbeinigsten, was die Amis da drüben in Milwaukee jemals gebaut haben.

Um ein Gefühl für den 304-Kilo-Koloss zu bekommen, drehe ich ein paar Kreise. „KRRRRAAAATSCH“. Schon bei der ersten Schräglage setzt das Fußbrett auf. Erschrocken bringe ich den dicken Jungen wieder ins Lot. Das Fußbrett! Ich fluche, weil ich noch nie verstanden habe, was Bretter an Motorrädern verloren haben. Und in genau diesem Augenblick raunt mir Bruce Willis ins Ohr: „Das ist kein Motorrad, Baby …“

Harley-Fußbretter sind dazu gebaut, um aufzusetzen. Denn wenn sie aufsetzen, klappen sie ein. Keine Ahnung, was das soll. Aber sieht irgendwie gut aus. Ich weiß auch nicht, was dieser aberwitzig breite 240-er Hinterradreifen soll. Um relativ unspektakuläre 94 PS auf die Straße zu bringen, braucht man so eine Walze jedenfalls nicht. Sieht aber auch irgendwie gut aus.

Ich liebe Motorräder, seit ich denken kann. Eine Harley hatte ich noch nie. Die für Chopper typische Sitzhaltung mit weit nach vorne gestreckten Füßen war mir immer suspekt. Kein Knieschluss, keine Dynamik. Dachte ich. Dann fahre ich vom Parkplatz auf die Landstraße – und denke plötzlich ganz anders.

Das Spektakuläre an den beiden mächtigen Zylindern, die da provozierend gelassen zwischen meinen Beinen wummern, sind nicht ihre 96 PS. Spektakulär ist, dass sie das Maximum ihrer Kraft schon bei 3000 Umdrehungen freisetzen. Also wenn man den Gasgriff fast noch gar nicht bewegt hat. Zum ersten Mal begreife ich, was „cruisen“ bedeutet: Eine fette Leistungsreserve eben gerade nicht abzurufen. Nicht mal im Ansatz. Weil das Standgas schon beinahe reicht.

Die Gelassenheit des Motors überträgt sich nach wenigen Kilometern auf mein Gemüt. Mein Blick schweift durch die Landschaft. Mein Soundtrack ist das wohlige Stampfen der beiden Kolben unter mir. Klingen wie ein Mississipi-Raddampfer, denke ich, aber ich habe in meinem Leben noch nie einen Mississipi-Raddampfer gehört. Ich finde mich cool. So cool wie Peter Fonda in Easy Rider, wie Bruce Willis in Pulp Fiction, wie Arnold Schwarzenegger in Terminator 2. Kein Wunder, dass Regisseure ihren Weltstars fast immer Harleys unterschieben. Cooler als auf einer Harley kann man nicht aussehen.

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Dachte ich. Bis ich tanken muss. Siegesbewusst lege ich meine Harley auf den weit ausladenden und natürlich verchromten Seitenständer – und registriere aus den Augenwinkeln bei einer Gruppe von Bikern an der gegenüberliegenden Zapfsäule Kopfschütteln. Völlig uncool prüfe ich heimlich mein Spiegelbild in der Scheibe der Tankstellentür. Jeans und Lederjacke – so weit OK. Aber ich habe die wichtigste Regel des Harley-Dresscodes gebrochen: Ich trage einen Integralhelm. Noch dazu in Weiß. Uncooler geht nicht. Auf Chopper-Köpfe gehören grundsätzlich kinnfreie Halbschalen. Die sind zwar weniger sicher, sehen aber viel besser aus.

So langsam begreife ich die Harley-Philosophie. Die Fußbretter. Der breite Reifen. Die unpraktische Sitzhaltung. Das Integralhelm-Verbot. Dieser Tick, dass an einer Harley alles immer ein bisschen dicker und breiter sein muss als nötig – auch wenn die Maschine dadurch ein Gewicht an der Grenze zur Fahruntauglichkeit erreicht.

Das oberste Harley-Gesetz scheint zu sein: „Zweckmäßigkeit“ und „Funktionalität“ spielen überhaupt keine Rolle. Eine Harley wird nicht gebaut, um bequem, schnell, sicher oder sonstwas zu sein. Wenn sie irgendwas davon ist, dann aus Zufall. Ihr konsequenter Verzicht auf jegliche Zweckmäßigkeit macht sie zu einer Art Kunst. Eine Harley Davidson genügt sich selbst. Deshalb ist sie so cool. Und deshalb sieht sie so gut aus.

Ein paar Tage später habe ich meine Harley-Auftritte optimiert. Der Helm muss beim Parken lässig über den Aussenspiegel gehängt werden. Die Handschuhe legt man nicht auf der Sitzbank ab – am besten behält man den linken sowieso immer an. Die Maschine wird idealer Weise direkt neben anderen Harleys geparkt – und grundsätzlich mit der Schnauze nach vorn. Auch ruhende Harleys stehen möglichst in Formation. Klingt alles merkwürdig, sieht aber tatsächlich gut aus.

Der Fortgeschrittene schmückt sich mit den Insignien seiner Marke auch jenseits des Bikes. Das fängt beim Harley-T-Shirt an und hört bei der Mitgliedschaft im „Club der Harleybesitzer“ auf. Es gibt auf der Welt nur wenige Marken mit ähnlicher Strahlkraft. „Coca Cola“ und „Apple“ vielleicht. Irgendwann gehörte auch „Marlboro“ mal dazu. Ein geflügeltes Wort unter Harley-Fahrern lautet: „Du legst 20.000 Steine auf den Tisch und kaufst Dir dafür ein Lebensgefühl. Die Harley gibt’s umsonst dazu.“

Das „Lebensgefühl Harley“ ist wunderbar. Ich habe zwei Wochen lang so gut ich nur konnte mitgemacht. Aber eine Frage ist übrig geblieben: Warum müssen Harley-Fahrer auf ihren Bikes eigentlich immer so grimmig gucken? Jungs, lächelt doch mal! Sieht auch besser aus …