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Motorrad-Perfektionstraining in Grevenbroich - ein Erfahrungsbericht

Sicherheitstraining für Motorrad-Fahrer : In voller Schräglage über ein Kantholz

Ist das noch eine Übung für den Alltag? Oder schon Motorrad-Akrobatik? Auf jeden Fall ist das ADAC-Fahrsicherheitszentrum in Grevenbroich eine gute Adresse für mehr Sicherheit auf dem Bike – nicht nur zum Saisonstart. Ein Erfahrungsbericht.

Ist das noch eine Übung für den Alltag? Oder schon Motorrad-Akrobatik? Auf jeden Fall ist das ADAC-Fahrsicherheitszentrum in Grevenbroich eine gute Adresse für mehr Sicherheit auf dem Bike — nicht nur zum Saisonstart. Ein Erfahrungsbericht.

Andreas kommt gut zehn Minuten zu spät. "Die Batterie hat sich über den Winter entleert" , entschuldigt er sich, legt seinen Helm auf den Tisch und zieht die Lederjacke aus. "Was fährst Du denn?", fragt Trainer Ralf. Andreas guckt mit herausforderndem Grinsen in die Runde. "Eine Ducati Diavel." Die anderen zehn Kursteilnehmer lachen auf — unter Motorradfans gelten die italienischen Ducatis als ebenso schön wie pannenanfällig. Man hört eben nichts lieber als die Bestätigung seiner Vorurteile.

Die wintermüde Batterie sollte an diesem Tag noch das kleinste Problem sein. Wir haben uns im ADAC-Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich zum "Motorrad-Perfektionstraining" angemeldet. Vor uns liegt ein langer Tag mit rund zehn Fahrübungen, von denen uns die meisten den Schweiß auf die Stirn treiben. Wie in jedem Frühjahr wollen wir zum Saisonstart die wichtigsten Reflexe schärfen. Diesmal später als sonst: Weil der Winter lang war, beginnt die Saison 2018 für die meisten Fahrer erst in diesen Tagen so richtig.

Wir kennen uns nicht. Aber jeder von uns hat die 84 Motorradtoten im Kopf, die im vergangenen Jahr allein in NRW zu beklagen waren. Die ersten Wochen des Jahres sind für Motorradfahrer die gefährlichsten: Die Autofahrer sind die extreme Dynamik unserer Maschinen noch nicht wieder gewohnt — und ehrlich gesagt: wir Fahrer auch noch nicht.

"Schultern runter und am Gas bleiben"

"... und dann fahren wir in voller Schräglage über das Kantholz ...", sagt Trainer Ralf. Wir stehen mitten auf dem riesigen Trainingsparcours und sitzen auf unseren wummernden Maschinen. Jeder hat einen Knopf im Ohr und hört Ralf über Funk. Wie bitte? Über ein ... äh ... Kantholz?

In Schräglage sind Motorradfahrer am verwundbarsten. Weil sie nur halb so viel Aufstellfläche wie Autos haben, müssen in dieser Situation nur zwei je handtellergroße Reifenstücke die komplette Seitenführung von Mensch und Maschine aushalten. Und dann über ein Kantholz? "Jaaaa", sagt Trainer Ralf. "Es gibt eine Alternative. Ihr könnt auch jede Straße, über die ihr künftig fahren wollt, vorher zu Fuß auf Hindernisse absuchen."

Also nehme ich meinen Mut zusammen und fahre mit gut 60 Stundenkilometern in die Kreisbahn. Nach 100 Metern liegt die rund zwei Zentimeter hohe Latte zwischen zwei orangefarbenen Hütchen. "Ellenbogen nicht durchdrücken", knarzt es in meinem Ohrhörer. "Schultern runter und am Gas bleiben."

Ich erinnere mich: Vor der Übung hatte Ralf erklärt, dass eine entspannte Haltung auf dem Motorrad nicht nur mehr Spaß macht, sondern auch sicherer ist: Ich überfahre das Holzstück und spüre den kräftigen Schlag deutlich im Lenker. Bei angespannt-durchgedrückten Armen hätte mein Körper den Schlag nicht abgefedert, sondern ein weiteres Mal an das Motorrad zurückgegeben — und zwei solcher Schläge könnten für das Fahrwerk einer zuviel sein. Aber so gleitet meine Maschine ohne Probleme wieder aus der Kreisbahn heraus.

Vor der nächsten Übung spritzen Wasserfontänen aus dem Asphalt. Wir sollen das Bremsen bei Nässe üben — auch das ist auf einem Motorrad viel schwieriger als im Auto. Ein blockierter Vorderreifen auf rutschigem Untergrund führt beim Zweirad unweigerlich zum Sturz. Zwar fahren wir alle Maschinen mit einem Antiblockiersystem (ABS), das solche Blockaden verhindert. Aber die Übung vermittelt eindrucksvoll, wie lang der Bremsweg bei Nässe werden kann. Und ich beschließe, mich für den Rest meines Lebens nicht mehr auf ein Motorrad ohne ABS zu setzen.

Auf dem Weg zur nächsten Übungsstation fährt Ralf in mäßigem Tempo vor - wir rollen in einer Linie hinter ihm her. Plötzlich wendet er und durchkreuzt unsere Linie. Ein paar Teilnehmer können ihm noch folgen, dann wird es eng. Der künstliche Kreuzungsverkehr mitten auf einer großen Freifläche zwingt uns zum Bremsen. Keine Verkehrsschilder, keine Straßen, aus denen man Vorfahrtsregeln ableiten könnte. Wir müssen uns Handzeichen zuwerfen, um Unfälle zu vermeiden. "Augen auf", knarzt Ralf in meinem Ohrhörer. Der Trainer erklärt: "Was will der andere? Sich in ihn hineinversetzen und den Blickkontakt suchen." Gerade Motorradfahrer können sich eben nicht darauf verlassen, dass alle anderen sich an die Verkehrsregeln halten. Das sollten wir in dem künstlichen Chaos trainieren.

Rund sieben Übungen und acht Stunden später sitzen wir wieder im Übungsraum. Wir bilanzieren den Tag — jeder von uns hat jetzt ein besseres Gefühl für die Sicherheitsreserven seiner Reifen und Bremsen. Ralf entlässt uns mit einer Abschluss-Botschaft: "Wenn eine Kurve mit 80 geht, fahrt sie immer mit höchstens 65", sagt Ralf, "das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ihr eine Kurve weiter auch noch Spaß habt."

(tor)