Tabubruch oder Trauerarbeit?: Künstlerin malt Bilder aus Asche von Toten

Tabubruch oder Trauerarbeit? : Künstlerin malt Bilder aus Asche von Toten

Die Malerin Ina Pause-Noack bietet an, aus einem Teil der Asche Verstorbener ein Gedenkbild für die Hinterbliebenen zu malen. Das heizt die Diskussion um die Grenzen deutscher Bestattungskultur an.

Die Bestattungskultur ist im Wandel: Ob Beisetzung im Friedwald, QR-Code für Smartphones auf dem Grabstein oder Trauerseiten im Internet - das Bedürfnis nach individuellem Gedenken wird offenbar immer stärker. Eine Künstlerin aus dem hessischen Hanau bei Frankfurt am Main hat ein Bild aus der Asche einer Toten gemalt. Ina Pause-Noack will solche Kunstwerke als "neue Form der Bestattungskultur" etablieren.

Der Vorstoß wird kontrovers diskutiert. Zwei Bestatterverbände kommen zu völlig unterschiedlichen Bewertungen, rechtlich ist die Sache kompliziert, die Reaktionen von Privatleuten könnten unterschiedlicher nicht sein. Die einen finden die Vorstellung schön, "dass aus mir mal ein Kunstwerk wird", die anderen finden es "einfach geschmacklos". Pause-Noack versteht ihr Angebot als "spirituelles Porträt über das Leben eines Menschen".

Dass es Menschen gibt, die ihre Idee ablehnen, kann die Künstlerin verstehen. "Ich habe die Vorstellung am Anfang ja selbst abgelehnt, aber dann ließ mich die Idee nicht mehr los, und so habe ich mich langsam an das Thema rangetastet." Schon seit Jahren arbeitet Pause-Noack, die in Dresden geboren wurde und seit 1998 in Hessen lebt, mit Asche. Sie malt mit Kohleasche oder Holzasche, auch mit Tierasche hat sie experimentiert. "Wie in der Natur ist Asche auch künstlerisch ein fruchtbares Material", findet sie.

Über Umwege erfuhr im vergangenen Jahr ein Witwer aus der Schweiz von ihren Arbeiten. Der Mann, der anonym bleiben will, bat Pause-Noack, aus einem Teil der Asche seiner verstorbenen Frau ein Bild zu malen. Sie habe lange mit ihm telefoniert, ihn später zu Hause besucht, um sich von der Persönlichkeit und dem Leben der Verstorbenen ein Bild zu machen.

Juristische Grauzone

Juristisch bewegt sich die Künstlerin mit ihrem Angebot in einer Grauzone. In Deutschland ist es streng genommen nicht zulässig, Kremationsasche zu Hause zu lagern - es besteht Bestattungszwang. "Die Aschenreste jeder Leiche sind in ein amtlich zu verschließendes Behältnis aufzunehmen und in einer Urnenhalle, einem Urnenhain, einer Urnenwand, einer Urnengrabstelle oder in einem Grab beizusetzen", heißt es etwa in § 20 des hessischen Bestattungsgesetzes. Allerdings sind "in besonderen Fällen" Ausnahmen möglich.

Manche Bestatter sind - ebenso wie manche Krematorien - bereit, auf Wunsch der Hinterbliebenen einen Teil der Asche zu entnehmen; andere lehnen das ab. Der Bundesverband Deutscher Bestatter ist dagegen, der Verband unabhängiger Bestatter stellte in seiner Verbandszeitschrift Pause-Noacks Konzept ausführlich vor.

Damit juristische Klippen umschifft werden können, hat die Künstlerin einen Kooperationspartner in der Schweiz gefunden: Um dem deutschen Bestattungszwang zu umgehen, kann man sich über einen Naturfriedhof-Betreiber die Urne über die Schweiz nach Hause liefern lassen. "Oase der Ewigkeit"-Geschäftsführer Dietmar Kapelle findet die Idee gut: "Viele Menschen haben das Bedürfnis, den Verstorbenen auch materiell in der Nähe zu haben."

Experte sieht trauer-psychologische Probleme

Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur, sieht "die Materialisierung von Verstorbenen" kritisch: nicht nur das Aschebild im Wohnzimmer, auch ein Ascheamulett um den Hals oder wenn die Asche zu einem synthetischen Diamanten gepresst wird. "In der ersten Phase der Trauer kann das eine große Hilfe sein, aber später kann die große Nähe trauer-psychologisch ein Problem werden."

Dass Trauerbilder bald in vielen Wohnzimmern hängen, ist unwahrscheinlich. Zwar wünschen sich inzwischen mehr Menschen eine Feuerbestattung als ein Grab in der Erde, wie eine Emnid-Umfrage ergab. Diamantpressung und andere extravagante Wünsche, so das Ergebnis der repräsentativen Befragung im Jahr 2008, "können mit ein bis drei Prozent als Randphänomene betrachtet werden".

(dpa)