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Sensation in München: Kirchner, Dix, Chagall — neue Funde, neue Fragen

Sensation in München : Kirchner, Dix, Chagall — neue Funde, neue Fragen

Die Staatsanwaltschaft und eine Kunsthistorikerin gaben am Dienstag Auskunft über den aufsehenerregenden Münchner Bilderschatz.

Unwillkürlich denkt man an den sprichwörtlichen Stich in ein Wespennest: Kaum hat sich die Nachricht von der Entdeckung des Münchner Kunstschatzes verbreitet, jener Sammlung klassisch-moderner und älterer Kunst, die seit einem halben Jahrhundert als verloren galt, drängen sich stechende Fragen auf. Und jede Antwort zieht neue Fragen nach sich. Ein Ende ist nicht absehbar. Und die schon fast verdrängte, in Routine erstickte Frage, wie Deutschland mit den Opfern seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und mit den Nachfahren dieser Opfer umzugehen habe, tritt wieder schmerzlich hervor.

Man spricht davon, dass die Kunstgeschichte in Teilen umgeschrieben werden müsse, man ahnt, dass etliche der entdeckten Werke in die Hände derer wechseln werden, die einen moralischen Anspruch darauf haben, man glaubt vorauszusehen, dass ein großer Teil der Bilder nach Klärung der rechtlichen Verhältnisse eines Tages auf den Kunstmarkt gelangt und dort das Preisgefüge beeinflussen könnte. Zunächst aber sprechen Fakten. Die stellen sich teilweise etwas anders dar als noch am Sonntag, als die Nachricht vom Münchner Kunstschatz verbreitet wurde. Denn gestern äußerten sich die Staatsanwaltschaft Augsburg und die Berliner Kunsthistorikerin Meike Hoffmann, die im Geheimen bereits seit Monaten Ordnung in den rund 1400 Werke umfassenden Fund zu bringen sucht.

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Anders als zunächst gemeldet sind die Arbeiten offenbar doch fachgerecht gelagert worden und weisen kaum Beschädigungen auf. Es handelt sich auch nicht ausschließlich um Werke der klassischen Moderne, sondern um Bilder aus der Spanne vom 16. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Außerdem wurde die Wohnung des 79-jährigen Kunsthändler-Sohnes Cornelius Gurlitt nicht bereits 2011, sondern erst im vorigen Jahr durchsucht. Auch gehen die Ermittler nicht davon aus, dass Gurlitt noch ein zweites Lager unterhält. Und die sichergestellten Gemälde befinden sich nicht in einem Depot in Garching bei München, sondern an einem geheim gehaltenen Ort.

"Von ganz außerordentlicher Qualität"

Immerhin ist mittlerweile bekannt, wo Cornelius Gurlitt wohnte: Im Salzburger Nobelstadtteil Aigen gehört ihm ein verwahrlostes Haus aus den 60er Jahren. Seinen Nachbarn ging er über Jahrzehnte aus dem Weg, nie drang nach Erinnerung der Anwohner jemand in sein Zuhause vor. Am meisten aber wundert diese Nachbarn, dass selbst jetzt, nach Entdeckung des Kunstschatzes in München, nichts unternommen werde, das Gelände in Salzburg zu durchsuchen. Unklar ist zudem, wo Gurlitt sich zurzeit aufhält.

Zu den Kunstwerken dagegen lässt sich bereits Genaueres sagen. Meike Hoffmann stellte fest, sie seien "von ganz außerordentlicher Qualität", und die Forschung zu den einzelnen Künstlern werde davon sehr profitieren. Die Kunsthistorikerin rechnet damit, dass die Ermittlungen, bei welchen Bildern es sich um Raubkunst handelt, noch lange andauern werden. Elf Werke aus dem Schatz wurden gestern anhand von Projektionen der Presse vorgestellt, darunter Spitzwegs Zeichnung "Das musizierende Paar", ein Farbholzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner mit dem Motiv eines Mädchens (einst in der Kunsthalle Mannheim), Gustave Courbets "Mädchen mit Ziege", eine Gouache von Marc Chagall, von Henri Matisse ein Bildnis einer sitzenden Frau, "Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann und ein bislang nirgends publiziertes Selbstporträt von Otto Dix.

So glücklich sich die Kunsthistorikerin angesichts des Fundes zeigte, so rasch hagelte es Kritik daran, dass die bayerischen Behörden sich nicht früher an die Öffentlichkeit wandten. Der Berliner Rechtsanwalt und Kunstexperte Peter Raue äußerte, die Begründung, wonach man erst habe klären wollen, wem die Kunstwerke gehörten, sei "nachgerade dreist". Er forderte, Fotografien der Werke im Internet zu veröffentlichen. Dann könnten sich Museen und Angehörige der früheren jüdischen Eigentümer melden und zur Aufklärung beitragen. "Das wird alles verhindert, weil sie sagen ,wir forschen selbst'. Das ist unglaublich", schimpfte Raue im "Deutschlandradio Kultur". Die Staatsanwaltschaft lehnte dagegen eine Veröffentlichung der Bilder ab mit dem Hinweis, nicht jeder Berechtigte wolle alle Welt wissen lassen, dass ihm ein Dix oder ein anderes wertvolles Kunstwerk gehöre.

Wie Raue wandten sich gestern auch die Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim (1878—1937) an die Öffentlichkeit. Sie hatten sich kürzlich in Düsseldorf mit Restitutionsforderungen zu Wort gemeldet und schoben nun in einer Presseerklärung nach: "Angesichts des riesigen Umfangs der offenbar bereits in den dreißiger Jahren zusammengetragenen Sammlung Gurlitt besteht jetzt der begründete Verdacht, dass Hildebrand Gurlitt (der Vater von Cornelius Gurlitt; d. Red.), der damals auch zeitweise in Düsseldorf gelebt hatte, noch mehr Werke auch aus der unter Verfolgungsdruck aufgelösten Flechtheim-Sammlung erworben haben könnte."

Zweifel erheben sich auch angesichts der Rolle, die der Kunsthandel im Zusammenhang mit der Sammlung Gurlitt spielte. Cornelius Gurlitt hatte im Spätsommer 2011 Max Beckmanns Gemälde "Löwenbändiger" dem Kölner Kunsthaus Lempertz zur Versteigerung gegeben. Musste der Auktionator nicht misstrauisch werden angesichts der Herkunft des kostbaren Bildes?

Wiederholte sich da nicht die Einstellung, die das Kunsthaus schon im Umgang mit den Fälschungen von Wolfgang Beltracchi offenkundig an den Tag legte: lieber nicht so viele Fragen stellen und stattdessen ein schönes Geschäft machen? Fragen ohne Antworten.

Schon jetzt steht fest: Auch auf die Frage "Wem gehört die Sammlung Gurlitt?" wird es keine Antwort geben. Jedes Kunstwerk erfordert eine eigene Antwort — und dafür viel, viel Zeit.

(RP)