Düsseldorf: Die Seifenopern der Bachmann

Düsseldorf: Die Seifenopern der Bachmann

Die Werkgeschichte der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–1973) muss nicht neu geschrieben werden, weil die Österreicherin selbst dazu den vielleicht skurrilsten Beitrag schon geliefert hat: mit ihrer Serie der "Radiofamilie" zu Beginn der 50er Jahre. Und diese wöchentlich gesendeten Familienstorys waren nichts anderes als triviale Unterhaltung, Seifenopern gewissermaßen. Ausgerechnet die große Lyrikerin, eine Klassikerin der modernen deutschsprachigen Literatur, hat ihr Werk mit der Schreibarbeit an einer Art Lindenstraße der Nachkriegszeit eröffnet.

Die Entdeckung dieser bisher unbekannten Bachmann-Skripte durch den amerikanischen Germanisten Joseph McVeigh ist nicht das, was man einen Skandal nennen könnte oder sollte; sie haben zunächst anekdotischen Wert. Zudem war der Job für die junge Ingeborg Bachmann zwischen 1951 und 53 im bittersten Sinne des Wortes ein Broterwerb. Denn zum ersten Mal hatte sie mit ihrer Anstellung im Skript-Department beim amerikanischen Besatzungssender Rot-Weiß-Rot ein gesichertes Einkommen. Die Not der Zeit hat diese Geschichten rund um die Radiofamilie Floriani also mitdiktiert.

Wer Bachmanns Lyrik kennt, ihre Verse der düsteren Ahnungen, ihre Erzählungen unserer bitteren Existenzen, wird staunen über die leichten Dialoge, über den Alltagswitz, über all das Unbeschwerte, das diese Geschichten grundiert. Wenn es nur Fingerübungen sein sollten, dann sind sie im Sinne des Senders bestens gelungen.

Die Fallhöhe war Bachmann natürlich bewusst; auch deshalb hat sie stets über die Art ihrer frühen Rundfunkarbeit geschwiegen. Und natürlich wächst mit der postumen Entdeckung der Radiofamilie jetzt die Sorge, ob auch das lyrische Werk beschädigt werden könnte. So fragt die Autorin Ruth Klüger bereits öffentlich und auch rhetorisch, "ob die Entdeckung und die Veröffentlichung dieses Frühwerks dem Ruhm der Dichterin guttun wird". Denn die Schwäche der Serie sei ihre "geistige Dürftigkeit, die Harmlosigkeit des Gebotenen".

Da aber irrt Klüger, zumindest sind die Beiträge in aktueller Lesart keineswegs so unbedarft wie zur damaligen Zeit, als den Menschen vor den Radiogeräten eine sehr alltägliche und sehr durchschnittliche Familie als Identifikationsangebot vorgestellt wurde. Heute fällt uns besonders Onkel Guido auf, die spannendste und am sorgfältigsten ausgearbeitete Figur. Guido ist nicht nur der Komiker und hoffnungslose Träumer, Guido wird auch gehandelt als jener Trottel, der auf die Nazis reingefallen war und halt zu den Mitläufern des Regimes zählte.

Ist das nun ein Drama? War Onkel Guido nicht ohnehin immer schon ein Spinner? "Zudem kommen die Guidos in den besten Familien vor", sagt Familienmutter Vilma. Das ist gar nicht ironisch gesprochen. Es zeigt tatsächlich ein Verständnis für all jene, die schuldig geworden sind. Mit Guido konnten sich viele einen gesellschaftlichen Freispruch erhoffen. Eine Generalabsolution also?

An diesem Punkt scheint die Unterhaltungsschreiberei eine autobiografische Dimension zu bekommen. Und die Frage ist erlaubt, ob Ingeborg Bachmann mit Onkel Guido auch den eigenen Vater rehabilitieren wollte, der als Schulleiter mit den Nazis kollaborierte. In der heilen Welt ihrer Radiofamilie wird möglicherweise auch Bachmanns Wunsch greifbar, die eigene verlorene Familienidylle zurückzugewinnen.

Der Figur dieses Träumers wohnt offenbar großes therapeutisches Potenzial inne: für die österreichische Gesellschaft der Nachkriegszeit wie auch für die Autorin der Radiofamilie. Schreibend ersehnt sie sich ihre Kindheit zurück. Dass das unmöglich ist, dass nichts mehr wirklich heil wird, hat Bachmann erst später beschrieben – in ihren Gedichten.

Info Ingeborg Bachmann: "Die Radiofamilie". Herausgegeben von Joseph McVeigh. Suhrkamp-Verlag, 411 Seiten, 24,90 Euro

(RP)
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