Neues Album "Born This Way": Das weiße Rauschen der Lady Gaga

Neues Album "Born This Way" : Das weiße Rauschen der Lady Gaga

Düsseldorf (RP). Die neue CD der erfolgreichsten Entertainerin der Welt ist erschienen. Daran verblüfft vor allem, wie schlecht "Born This Way" ist. Dieses Album darf man als Abschied der Amerikanerin von der Musik als Kerngeschäft werten. Musik ist ihr lediglich Anlass für ihre ausgreifenden Performances.

Das Staunen über diese Platte ist groß, denn niemand hätte gedacht, dass sie so schlecht werden würde. "Born This Way" heißt das zweite Album der wichtigsten Entertainerin der Welt.

Ende vergangener Woche hat Lady Gaga die 14 Stücke ins Internet stellen lassen, nun kommt die CD in die Geschäfte, und die Musik darauf klingt, als habe sie der sadistische Zahnarzt aus dem Film "Der Marathon-Mann" komponiert: Synthesizer sägen an den Nerven, die Beats tanzen ständig aus der Reihe, und Effekte werden so inflationär über jeden Song verteilt, dass man mitunter meint, der Laser sei beim Abtasten der CD hängen geblieben.

"Born This Way" beweist aufs Neue, dass der Urheberin ihre eigenen Lieder gleichgültig sind. Lady Gaga ist keine Sängerin oder Musikerin mehr. Sie ist Performance-Künstlerin, sie macht Bildende Kunst mit Klang, und bei ihren Auftritten spielt sie eben auch Musik.

Immer wieder neu verpackt

Die Musik ist höchstens Anlass für weitere Inszenierungen, sie liefert den Grund zur Verkleidung mit Schuhen, die aussehen wie Hufe, oder mit Kleidern, die aus rohen Steaks gearbeitet wurden. Es ist nicht wichtig, was man auf der CD hört. Es genügt, dass sie da ist.

Lady Gaga veröffentlichte im April 2008 ihre erste Single "Just Dance". Vier Monate später kam das Debütalbum "The Fame". Wie sich selbst verpackte sie es immer wieder neu, brachte es mehrmals in je anderen Versionen heraus; es gab Bearbeitungen durch Künstler wie die Pet Shop Boys, und zuletzt legte sie das Mini-Album "The Fame Monster" bei. Lady Gaga lieferte also eine Vielzahl von Anlässen — ohne ins Studio gehen zu müssen.

Die frühen Songs der 25-Jährigen funktionierten noch wie Popmusik im herkömmlichen Sinn. Ihr größter Hit "Paparazzi" ist tatsächlich unwiderstehlich, zuckersüß und mitreißend, seine feinen Widerhaken halten ihn lange an der Hirnrinde fest. Man muss nicht wissen, von wem das Lied ist. Es spricht für sich.

Abschied von der Musik als Kerngeschäft

Von diesem Prototyp des Ohrwurms verabschiedete sich Lady Gaga allmählich. "Bad Romance" verstand man noch so gerade ohne die im dazugehörigen Video-Clip gelieferten Bilder. Aber schon "Telephone" erreichte seine Größe nur durch das zehnminütige Filmchen, das Fans nun nachstellen und ihrerseits ins Internet laden.

Das zweite Album ist Lady Gagas Abschied von der Musik als Kerngeschäft. Es steckt viel Wissen in diesen durchaus komplexen Kompositionen. Lady Gaga beschäftigt in ihrem Think Tank "House Of Gaga" kluge Köpfe, die für sie die Popgeschichte ausschlachten und Details und Versatzstücke daraus so zusammensetzen, dass sie in genau dem Moment wirken, da sie veröffentlicht werden.

Auf eine Erzählung, wie sie Lady Gagas Vorgängern an der Spitze wichtig war, verzichtet sie. Ihre Lieder kennen nur das Jetzt, sie sind Zeitschriften. Sie sind sich ihrer Vergänglichkeit bewusst. Deshalb strebt alles auf den Refrain zu, der zumeist nach 20 Sekunden einsetzt. Jede Strophe steigert den Suspense, Bedeutung aber hat allein die Entladung. In Lady-Gaga-Songs gibt es kurz vor Schluss einen Break, und dann setzt der letzte Refrain ein — in doppelter Geschwindigkeit, mit noch wuchtigerem Bass.

Am Rande der Aufführbarkeit

"Die Leute sollen mich niemals als menschliches Wesen kennenlernen", sagt sie, und deshalb ist es eigentlich nicht mehr notwendig zu erwähnen, dass ihr bürgerlicher Name Stefani Joanne Angelina Germanotta lautet. Sie hat mit dem Mädchen von einst nichts mehr gemein, es ist im Konzept Lady Gaga aufgegangen.

Die Musik, die Lady Gaga vorlegt, bewegt sich neuerdings am Rande der Aufführbarkeit. Während sie sich für ihre Texte Themen sucht, mit denen sie vor allem in den USA Aufsehen erregt — Religion, Homoerotik, Nacktheit —, bedient sie sich musikalisch in Europa: der kalte Techno aus Berlin, die trashigen Hochgeschwindigkeits-Fetenhits aus den niederländischen Abfahrerdiskos, die Sirenen des britischen Rave. Das ist harte Musik, die auf die Synapsen der Menschen abgerichtet wurde.

Diese Platte ist langweilig

Nichts passt so richtig zusammen in der Musik von Lady Gaga, und dass Brian May, der Gitarrist von Queen, und Clarence Clemons, der Saxofonist von Bruce Springsteen, auf "Born This Way" Gastauftritte haben, macht das Album noch exotischer. Es klingt selten leicht, man spürt die Mühsal der Produktion, man sieht den Rauch über den Köpfen der Zulieferer. Diese Platte ist zu klug und berechnend, sie ist zu stark geschminkt, um berühren zu können. Sie ist langweilig.

Lady Gaga muss das nicht bekümmern. Sie ist auf dem Cover als Zwitterwesen aus Motorrad und Frau zu sehen. Niemand schaut auf die Leistung einer Maschine, wenn vorne ein blonder Kopf mit rot geschminktem Mund brüllt. Musik ist Lady Gagas Vehikel. Das "Forbes"-Magazin erklärte sie just zur wichtigsten Person im internationalen Showgeschäft. Anderthalb Milliarden Menschen sahen sich bei Youtube ihre Videos an. Und bei Twitter hat sie zehn Millionen Follower.

Songwriting und Komposition sind Nebensache: Der Soundtrack zu dieser Karriere ist das weiße Rauschen des Datenstroms.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Lady Gaga - "Born This Way"

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