Paris: Das erste Genie der Moderne

Paris: Das erste Genie der Moderne

Vor 100 Jahren starb der französische Komponist Claude Debussy. Viele seiner Klavier- und Orchesterwerke sind Klassiker geworden.

Sie mochten ihn, aber sie verstanden ihn nicht. Was war das für seltsame Musik, die er fabrizierte? Eine Komposition, die er der Pariser Académie des Beaux-Arts vorlegte (die sein Stipendium finanzierte), wurde sanft lächelnd abgelehnt: "Monsieur Debussy scheint von dem Wunsch besessen, etwas Bizarres, Unverständliches, Unaufführbares zu schaffen." Debussy - dies ein Muster seiner Karriere - fühlte sich unverstanden, tauchte ab, und der Abschlussfeier der Absolventen blieb er fern. Ein Skandal.

Fremdling und Visionär zwischen den Zeiten: So könnte man Debussys Position beschreiben. Schon früh hatte er die Dreiklänge der Harmonielehre und deren festes Bezugssystem als überholt empfunden, er strebte nach der inneren Freiheit der Töne, nach neuen Ordnungen. Seit Langem fühlte er sich wie ein Gefangener, der die Gitterstäbe des Bewährten aus den Fenstern, durch die er in die Welt schauen wollte, herausreißen wollte. Dabei sollte gar nichts Schweres, Sperriges hindurch, im Gegenteil: Debussy verstand Musik als Gestalt gewordene Luft, als zu Klang verdichtetes Licht. Seine Musik beschreibt oft Nebel, Schleier, Dämmerungen, was manchen vermuten ließ, es handele sich um Musik des Vagen, Ungefähren, wenig Konkreten. Tatsächlich war Debussy eher an Stimmungen als an Dingen interessiert. Die Winde jenseits der Materie - sie waren seine Lieblinge.

Der Komponist, 1862 in einem Pariser Vorort geboren, kam aus einfachen Verhältnissen. Klavierunterricht musste ein Pate organisieren, doch dann kam eine Dame, angeblich Schülerin Chopins, die wach die gigantische Begabung Debussys erkannte. In zwei Jahren machte sie ihn fit für die Klavierklasse des Conservatoire. Trotzdem verdichtete sich sein Wunsch, Komponist zu werden, und wieder lachten die Dozenten oder begannen, was schlimmer war, ihn zu verachten - weil sie intuitiv merkten, wie fest und sicher dieser junge Debussy alle Gesetze auszuhebeln begann.

Dieses Aushebeln vollzog sich nicht als Akt der Gewalt, sondern mit unmerklicher Dynamik, fast tänzerischer Leichtigkeit. Der junge Komponist interessierte sich für Musik aus Bali (ein javanisches Gamelan-Orchester hatte ihn bei der Pariser Weltausstellung 1889 fasziniert). Deren Musik war einzig aus einer Tonleiter mit fünf Tönen gewirkt, der Pentatonik. Hier gab es kein Schweres und kein Leichtes, keine Anziehungspunkte und keine magnetischen Felder der Harmonien. Debussy schrieb, diese Musik besitze "alle Nuancen, selbst solche, die man nicht benennen kann"; die klassischen Tonstufen wie Tonika und Dominante empfand er längst als "nutzlose Hirngespinste".

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In seinem ersten bedeutenden Werk, dem "Prélude à l'après-midi d'un faune", unterfütterte Debussy auf geniale Weise seine Idee, dass er Musik "für das Unaussprechliche schreibe". Und weiter: "Ich möchte sie wirken lassen, als ob sie aus dem Schatten herausträte und von Zeit zu Zeit wieder dahin zurückkehrte; ich möchte sie immer diskret auftreten lassen." Prompt mäkelte der Komponistenkollege Camille Saint-Saëns: "Das Prélude klingt hübsch, aber Sie finden nicht die geringste ausgesprochen musikalische Idee darin." Genau!, dachte Debussy, das war sein Plan: Es ging um Atmosphäre, um Ahnung; man sollte sich einen Faun vorstellen - die Musik malte ihn ja nicht von einem Bild ab.

Bilder entstanden bei Debussy im Kopf: im liebenswerten Zyklus "Children's Corner". in den aufreizend bilderreichen "Images" (etwa mit Glocken, die durch Laub hindurch klingen), in den "Préludes", grandiosen Wanderungen durch Zeit und Raum, in deren Radius amerikanische Jazzhallen ebenso wie Tänzerinnen aus Delphi und Schritte im Schnee fallen. Nebenbei schrieb er in dem Klavierstück "Clair de lune" (aus der "Suite Bergamasque") einen Mega-Klassiker, den genervte Manager oder feinsinnige Witwen gern abends bei einem Longdrink ins Ohr rinnen lassen.

Debussys Größtes ist fraglos das Orchesterwerk "La mer", eine Ode ans Meer. Debussy entwarf es allein aus der Vorstellung, und dieses klingende Abbild seiner Phantasie gelang so grandios, dass sich das Meer selbst ein Beispiel an dieser Musik nehmen könnte. Mehr noch, nach dem Hören könnte man sagen: In "La mer" erfindet der Komponist das Meer nicht bloß - diese Musik ist das Meer. Wer hingegen eine Ahnung bekommen will, wie das Grauen einer Familie und das Ungreifbare der weiblichen Psyche klingen, der muss Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" hören.

Zwischen diesen Geniestreichen führte Debussy ein nicht restlos geklärtes und gefestigtes Leben. Zwei seiner Geliebten unternahmen Selbstmordversuche, was nicht unbedingt für seine Beziehungskompetenz spricht. Der häufig mürrische Komponist erkrankte dann noch an Darmkrebs, und eine nutzlose Operation ließ seine Kräfte nur noch schneller schwinden. Debussy starb am 25. März 1918. Aber er hinterließ uns das Größte, Schönste: Licht, Luft und Wind in Tönen.

(w.g.)