Berlinale 2018: "Whatever happens next" von Julian Pörksen feiert Premiere

Köln: Ein Theatermann fährt zur Berlinale

Julian Pörksen war Assistent von Christoph Schlingensief, ist Dramaturg in Köln und Autor. Nun feiert sein erster Langfilm Premiere.

Aussteiger könnte man ja auch so werden: Ein Mann taucht in das Leben anderer Menschen ein. Er ist plötzlich da, feiert ungeladen bei einer Party mit, wird Teil einer unbekannten Beerdigungsgesellschaft, sitzt bei Fremden in der Küche, schlüpft in deren Welt. Für Paul Zeise ist das nicht nur ein verlockendes Gedankenexperiment. Die Hauptfigur in dem Film "Whatever happens next" probiert den Lebenstausch einfach aus, wirft sich ungeschützt in das Abenteuer des Seins.

"Man kann diesen Aufbruch in andere Leben, in die völlige Unbestimmtheit, als totale Freiheit verstehen", sagt Julian Pörksen, "aber Paul zahlt einen Preis, er verliert sein eigenes soziales Umfeld. Es gibt also auch ein asoziales Moment, wenn man so losgelöst leben will." Pörksen hat sich die Geschichte des Lebens-Surfers Paul ausgedacht und einen Film daraus gemacht. Der wird nun bei der Berlinale, die am 15. Februar in Berlin beginnt, seine Premiere feiern. Für Pörksen ist es die zweite Teilnahme bei den Filmfestspielen. Vor sechs Jahren hat er dort schon einen Kurzfilm gezeigt. Auch eine Aussteigergeschichte, nur dass sich die Hauptfigur nicht wie Paul ohne Absicherung ins Leben wirft, sondern ganz daraus zurückzieht. In "Sometimes we sit and think and sometimes we just sit" zieht ein 50-jähriger Mann freiwillig ins Altenheim. Er will mit dem Getriebensein da draußen nichts mehr zu tun haben, wählt den Rückzug total.

"Noch vor wenigen Jahren waren Lebensläufe stark normiert. Man lernte etwas, fand einen Arbeitsplatz, arbeitete dort oft lange Zeit", sagt Pörksen, "heute müssen Menschen ihre Biografien selbst bauen, sie haben scheinbar viele Möglichkeiten, aber in Wahrheit gibt es unendliche Zwänge, prekäre Jobs, Selbstvermarktung, die Menschen sind in der radikalen Leistungsgesellschaft auf sich selbst geworfen, und das erzeugt Druck."

Pörksen selbst ist Dramaturg. Seit zwei Spielzeiten gehört er fest zum Team des Schauspiels Köln. Neben der Theaterarbeit schreibt er eigene Stücke, eins davon wurde in Köln uraufgeführt. Auch in einem Sachbuch ist er der Frage nachgegangen, wie das Wirtschaftssystem mit seinem Produktivitätsgebot Menschen nötigt, ihre Zeit gewinnbringend zu verbringen. "Verschwende Deine Zeit" nannte er das Buch.

Er selbst ist jetzt 32 und hat bisher nicht viel Zeit verschwendet. Julian Pörksen ist in Freiburg aufgewachsen. Sein Vater ist Literaturprofessor, seine Mutter Übersetzerin. Mit 17 ging er für ein Sozialpraktikum nach Nepal, arbeitete dort mit Lepra-Kranken und traf bei einem rituellen Totenfest rein zufällig auf den Theatermacher Christoph Schlingensief. Der lud ihn ein, bei seinem Opernprojekt in Manaus mitzuarbeiten. Drei Monate hat Pörksen am "Fliegenden Holländer" im brasilianischen Regenwald mitgearbeitet. Danach wurde er Schliengensiefs Assistent, leitete ein Jahr dessen Büro. "Schlingensief war ein Künstler, der nie in Routinen verfallen ist, mit jedem Projekt wollte er etwas probieren, mit dem er sich noch nicht auskannte", sagt Pörksen. Diese Fähigkeit, sich Neuem radikal zu öffnen, nie in eindeutige, parolenhafte Kunst zu verfallen, hat den Assistenten tief beeindruckt.

Sein Vorhaben, nach seiner Zeit bei Schlingensief in Berlin Philosophie zu studieren, gab er bald auf, wechselte für ein Dramaturgiestudium nach Leipzig. Damals machte er die ersten Versuche als Filmregisseur. Die Idee für die Geschichte über einen Mann, der ins Altenheim aussteigt, kam ihm allerdings im Theater. Er sah eine Inszenierung von Handtkes "Publikumsbeschimpfung", in der eine halbe Stunde gar nichts passiert. "Trotzdem ist in diesen Minuten im Theater sehr viel geschehen", sagt Pörksen. Dass aus dem Nichtstun eine kollektive Erfahrung werden konnte, habe ihn fasziniert. "Darum wollte ich einen Film über die Passivität drehen, ohne dass der Film mit Ereignislosigkeit nervt." Er mietete ein Zimmer an, renovierte es mit Freunden, richtete es ein wie ein Zimmer im Altenheim - und drehte los. Die meisten Schauspieler kannte er vom Theater. Das Budget von 5000 Euro zahlte er selbst.

Weil gleich dieser Kurzfilm-Erstling bei der Berlinale viel Beachtung fand, konnte Pörksen bei seinem Langfilmdebüt schon professioneller vorgehen. "Ich habe viel Zeit investiert, um die richtigen Darsteller zu finden", erzählt er. Für die Figur des Paul wurde er wieder am Theater fündig. Am Schauspiel Dresden sah er Sebastian Rudolph als Faust und wusste sofort, dass dieser Schauspieler jene Mischung aus Charme und Dreistigkeit spielen könnte, die einer braucht, der einfach in fremde Leben eindringt. Und ein Weilchen bleiben will. Dann schickte er Lilith Stangenberg sein Drehbuch. Die war damals noch nicht in der starken, eigenwillig-riskanten Hauptrolle des Dramas "Wild" im Kino zu erleben gewesen, aber bereits als Theaterschauspielerin gefragt. Auch sie ließ sich für Pörksens Geschichte begeistern, und so reist der junge Filmemacher nun mit einem bemerkenswerten Cast nach Berlin.

Dort freut er sich vor allem darauf, die Reaktionen des Publikums zu erleben. "Die Stille im Kino während der Vorführung ist ja schwer zu deuten, aber bei der Berlinale gibt es auch Publikumsgespräche und Reaktionen anderer Filmemacher", sagt Pörksen. Er selbst könne erst mit einem Jahr Abstand sehen, wie sein Film wirklich geworden ist, noch seien die Dreharbeiten viel zu nah. Eines könne er aber schon jetzt sagen, und da lächelt der Filmemacher zufrieden: "Der Film ist so geworden, wie ich ihn haben wollte."

(dok)