Klaus Staeck: Ein Säckchen Sand fürs Getriebe

Klaus Staeck: Ein Säckchen Sand fürs Getriebe

Das Essener Museum Folkwang gratuliert dem Plakatkünstler Klaus Staeck mit einer Retrospektive zum 80. Geburtstag. In den 70er und 80er Jahren hingen seine Politsatiren in jeder zünftigen Studentenbude.

Klaus Staeck hat in seinem Künstlerleben manchen zur Weißglut gebracht. Es waren diejenigen, die sich von seinen satirischen Plakaten getroffen fühlten, diejenigen, die ihm im Rechtsstreit unterlagen, und alle, die seine politischen Ansichten nicht teilten und doch spürten, dass seine angriffslustige Ironie berechtigt war. Mit seinen Politplakaten aus den Siebzigern wurde er in Deutschland rasch bekannt.

"Deutsche Arbeiter!", so hieß es auf einem Plakat in Frakturschrift, "Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen." Wer den Text auf himmelblauem Grund über einer gold-gelben Flachdach-Villa am Hang erstmals auf einer Litfaßsäule las, wird gegrübelt haben: Wer wirbt da wofür? Als die Anzahl der Plakate wuchs, wurde klar: Da wirbt ein Satiriker für mehr Demokratie, für die Interessen derer, die weder mit politischer Macht noch mit viel Geld ausstaffiert sind, und für eine solidarische Gesellschaft. Noch heute bekennt sich Staeck zur SPD, doch Wahlplakate sind seine Sache nicht.

Zu Staecks 80. Geburtstag am 28. Februar hat das Essener Museum Folkwang dem Grafiker, Plakat- und Postkartenentwerfer und Schöpfer winziger Auflagen-Objekte eine Retrospektive eingerichtet - eine museale Schau für einen, der sein Tätigkeitsfeld stets im Freien sah und dem es nicht einmal darum ging, Kunst hervorzubringen. Er wollte lediglich Plakate erschaffen, die gesellschaftlich aktive Gruppen für ihre Zwecke einsetzen konnten. Damit brachte er es so weit, dass seine Politsatiren in den 70er und 80er Jahren in jeder Studentenbude hingen, also dort, wo der Geist links von der Mitte wehte.

Die Retrospektive des Museums Folkwang, das sich auch mit seiner Abteilung für Plakatkunst einen Namen gemacht hat, beginnt mit einer Überraschung. Das ist weniger der Sack "Sand fürs Getriebe", der das Publikum vom Flur in die Ausstellungsräume lockt, als die frühe Grafik des Klaus Staeck. Es sind wundervolle, halb abstrakte, sich jeweils auf zwei Farben beschränkende Holzschnitte mit Titeln wie "Monstrum" oder "Metamorphosen".

Ende der 60er wurde er politisch. An die Stelle vieldeutiger, schwebender Formen trat nun die in Satire gekleidete gesellschaftliche Aussage. Unter einer schwarz-weißen Aufnahme eines Soldaten vor einem entlaubten Wald tritt giftig grün eine Schrift hervor: "Vietnamesische Vegetation nach der Berührung mit US-Kultur".

Staecks erster Plakaterfolg stellte sich kurz darauf, 1971, mit dem ursprünglich als Siebdruck angelegten "Sozialfall" ein. Das Plakat zeigt Dürers Porträt seiner Mutter in Kombination mit der Frage: "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?" Mitten im Nürnberger Dürer-Jubiläum und im damals herrschenden Wohnungsmangel traf Staeck damit einen Nerv der Zeit.

Nicht nur als Grafiker, auch als Aktivist trat Staeck zunehmend hervor. Im selben Jahr verfasste er mit Joseph Beuys und Erwin Heerich einen Aufruf gegen die Exklusivität des Kölner Kunstmarktes. Er selbst präsentierte sich dagegen auf mehreren Documenta-Ausstellungen in Kassel, und jahrzehntelang war er auf Kunstmessen im Rheinland mit einem winzigen Stand präsent.

Staeck fuhr nicht schlecht damit, dass er der Gesellschaft Sand ins Getriebe streute. Und die Plakate waren ja zum Teil auch witzig. "Jeder zweite Abgeordnete ist eine Frau", steht in Gelb auf einem Plakat von 1976. Darunter sieht man Parlamentarier an ihren Plätzen, allesamt männlichen Geschlechts. Die Frakturschrift "Ordnung muss sein" ziert ein schwarz-rot-goldenes Kissen mit akkuratem Knick in der oberen Mitte. Und einem schwarz-weißen Bismarck werden die Worte in den Mund gelegt: "Untertanen! Wollt ihr Freiheit oder Sozialismus" - eine Anspielung auf den Slogan der CDU zur Bundestagswahl 1976.

Lang ist's her, und Jüngeren wird es schwerfallen, das zeitliche Umfeld zu rekonstruieren. Zuweilen aber erweist sich das scheinbar schnelllebige Medium Plakat als erstaunlich beständig. Ein Exemplar von 1986 fordert am Ende des Rundgangs auf: "Stell Dir vor, Du musst flüchten und siehst überall" - darunter schreit rot ein Graffiti auf einer Mauer: "Ausländer raus!"

Staecks Lieblingsgegner waren Strauß, Kohl, die Rüstungsindustrie und jene Unternehmen, die sich nie um den Schutz der Natur scherten. Staeck, der Jurist, nahm notfalls mit ihnen den Kampf vor Gericht auf und gewann alle 41 Prozesse.

Missstände im linken Lager dagegen sind ihm bis heute kein Plakat wert. Ohnehin hat das Plakat seit Ende der 80er Jahre seine Bedeutung als politisches Medium verloren. Längst haben sich die Diskussionen ins Internet verlagert. Vielleicht aber ist die Welt auch zu verrückt geworden, als dass man ihr noch mit bärbeißigen Forderungen, Aufrufen und meinungsstarkem Spott beikommen könnte.

(B.M.)