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Spieletest: "Remember Me" — die Chance vertan

Spieletest : "Remember Me" — die Chance vertan

Mit Remember Me stellen Publisher Capcom und Entwickler Dontnod ein sehr ambitioniertes Spiel vor. Das Ergebnis ist nicht unbedingt schlecht, es bleibt aber hinter seinen Möglichkeiten.

Was ist der Mensch, wenn nicht die Summe seiner Erinnerungen. Und eben die sind im Remember Me im Jahr 2084 zur Handelsware geworden: Digitalisiert und abgespeichert kann jeder seine schlechten Erinnerungen loswerden und sie durch neue, angenehmere ersetzen, die er von anderen Menschen kaufen kann.

Kontrolliert wird der Markt vom Großkonzern Memorize, der das Verfahren entwickelt hat und die Schnittstellen sowie die Technik zur Verfügung stellt. Mit seiner Monopolstellung hat das Unternehmen natürlich Macht — und gegen die treten die Erroristen an. Auch ohne "T" ist das eine sehr holprige und wenig kreative Bezeichnung für eine Widerstandsgruppe.

Die Gedankenjägerin Nilin gehört zu dieser Bewegung. Und das Spiel beginnt mit ihr, als sie im Gefängnis Bastille wieder zu Bewusstsein kommt — nachdem Memorize-Ärzte bereits einen Großteil ihrer Erinnerungen in Computer überspielt und in ihrem Gehirn gelöscht haben. Kurz bevor auch die letzten Reste ihres Selbst vernichtet werden, kann sie fliehen. Dank der Hilfe des Erroristen-Führers Edge.

Neo-Paris mit viel Liebe zum Detail

Das sind eigentlich ideale Voraussetzungen, um zwischen Filmen wie Matrix und Inception einen Cyberpunk-Thriller im wiederaufgebauten Neo-Paris zu erzählen. Und Entwickler Dontnod hat mit sehr viel Liebe zum Detail die französische Hauptstadt 62 Jahre in der Zukunft umgesetzt:

Da gibt es dreckige, düstere Slums voller Graffitis, in denen körperlich verfallene Erinnerungs-Junkies, die sogenannten Leaper, vegetieren. Daneben sind die Pariser Wahrzeichen wie der Triumphbogen in Nobelvierteln und ihren strahlend schönen Wolkenkratzer eingebettet.

Das sieht stellenweise nicht nur atemberaubend aus, sondern wird mit vielen kleinen Begebenheiten am Rande mit Leben erfüllt. Dienst-Roboter entschuldigen sich, wenn sie einen Menschen anrempeln, und sagen auch gleich, wo und wie man die Schadensersatzforderung einreichen kann. Straßenprediger glauben daran, dass Gott selbst sich in den vielen Erinnerungen versteckt, die mittlerweile digitalisiert worden sind.

Und an einer Ecke wird über Chancengleichheit für Klimaflüchtlinge geredet. Man würde sich in dieser Welt tatsächlich gerne umschauen und sie erkunden, wenn die einzelnen Abschnitte nicht so dermaßen schlauchartig entworfen worden wären — und wenn sie etwas mehr bevölkert wären. Zwar laufen überall Menschen herum, aber es sind nicht so viele, wie man sie in einer Metropole und ihren übervölkerten Slums erwarten würde. Darunter leidet das Gesamtbild etwas.

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Dafür haben die Entwickler mit ihrer Heldin Nilin einen Extrapreis verdient. Sie ist kein leicht bekleidetes, hypersexualisiertes, unglaubwürdiges Kunstwesen, sondern endlich mal wieder eine intelligente, starke Frau mit Charisma in einem Computerspiel. Und mit ihr kämpft man gegen die Macht von Memorize. Gleichzeitig jagt sie ihren gestohlenen Erinnerungen hinterher, die Licht in das Dunkel bringen, warum sie eigentlich gegen den Großkonzern kämpft — oder ob der Zweck tatsächlich die Mittel heiligt. Erst recht, nachdem die Erroristen mit ihrer Hilfe einen verheerenden Anschlag verübt haben.

Gameplay mit Schwächen

Es hätte ein großartiges Spiel werden können — nur leider hat Dontnod beim Gameplay selbst die Kreativität vergessen: Denn Nilin klettert in Third-Person-Ansicht wie bei Assassin's Creed, Uncharted oder Tomb Raider durch Schächte und an Fassaden oder Dächern entlang. Und damit auch der Letzte weiß, wo es in den schlauchartigen Abschnitten lang geht, werden immer wieder gelbe Markierungen eingeblendet. Hin und wieder muss man dabei auf das Timing achten, das ist aber noch die größte Herausforderung — neben der Kamera, die nicht immer optimal positioniert ist.

Wenn Nilin nicht gerade klettert, dann kämpft sie. Nicht wirklich mit Waffen, vielmehr prügelt sie sich durch Neo-Paris. Dafür gibt es verschiedene Schlag-Kombos, die entweder mehr Schaden anrichten, Gesundheit wieder herstellen oder die Abklingzeit für Nilins Sonderfähigkeiten reduzieren. Und diese Kombos kann man sogar selbst zusammenstellen. Das klingt taktischer, als es wirklich ist. Tatsächlich ordnet man im Menü nur die immer gleichen Buttons in verschiedener Reihenfolge zu.

Auch wenn Dontnod von 50.000 verschieden Kombination spricht, im Kampf selbst drückt man dann eben diese drei Buttons in verschiedener Reihenfolge oder weicht Angriffen aus. Anfangs macht das noch Spaß. Mit der Zeit aber würde man sich mehr Herausforderungen und bisweilen eine weniger eigensinnige Kamera wünschen. Zur Story und zum Charakter würde auch eine Schleichmechanik passen, um ungesehen zum Ziel zu kommen. Die gibt es aber nicht.

Ein eigenständiges, innovatives Spielelement setzt Remember Me dagegen viel zu selten ein: das Remixen von Erinnerungen. Dann taucht Nilin in die Gedankenwelt ihres Opfers ein, sieht eine Begebenheit aus dessen Vergangenheit und ändert dann Details — die zu einer völlig anderen Erinnerung führen. Dadurch aber verändert sich das Verhalten der Zielperson, denn sie setzt sich dann neue Ziele und hilft der Heldin.

Eine Kopfgeldjägerin bringt Nilin so dazu, sie nicht auszuliefern, sondern zu unterstützen — weil sie sich nach der Manipulation nur noch daran erinnert, wie der Großkonzern Memorize ihren Mann getötet hat. Allerdings gibt es für den Remix immer nur eine Lösung. Und der logische Zusammenhang zwischen den Details, die man verändern kann, erschließt sich nur langsam. Man ist also auf Versuch und Irrtum angewiesen.

Story mit überraschenden Wendungen

Damit könnte man aber leben, aber es gibt nur vier Stellen im gesamten Spiel, an denen man Erinnerungen remixen kann. Mit mehr solcher Möglichkeiten vielleicht sogar verbunden mit verschiedenen Lösungen hätte Remember Me ein grandioses Spiel werden können. Stattdessen hat sich Dontnod eher für Action entschieden, die nicht so ganz zur interessanten Story passt. Die ist dafür gut erzählt und wartet mit einigen überraschenden Wendungen auf. Allerdings gibt es an einigen Stellen kleinere Logiklöcher, und gegen Ende flacht die Geschichte etwas ab.

Was von Remember Me bleibt, ist das grandios in Szene gesetzte Neo-Paris mit den vielen kleinen Details am Rande und eine starke, überzeugende Heldin. Beim Gameplay aber ist das Spiel hinter seinen Möglichkeiten geblieben.

Wertung

Grafik 7,5 von 10
+ Neo-Paris ist wunderschön in Szene gesetzt
+ Spiel von Licht und Schatten gelungen
- Welt ist zu wenig bevölkert
- Texturen bisweilen etwas detailarm (PS3-Testversion)

Sound 8,0 von 10
+ stimmige Musikuntermalung
+ gelungene Kombos werden klanglich passend untermalt
- Sprecher von Nebenfiguren in deutscher Fassung wirken ab und an etwas lustlos

Gameplay 6,5 von 10
+ Erinnerungs-Remix ist innovativ
- Erinnerungs-Remix zu selten eingesetzt
- Kamera ist etwas eigenwillig
- sehr schlauchartige Abschnitte
- Kämpfe auf Dauer nur Button-Mashing

Story 7,0 von 10
+ gut inszenierte Story
+ überraschende Wendungen
+ intelligente Grundidee
- Story verliert gegen Ende

Gesamtwertung 7,5 von 10

Hier geht es zur Bilderstrecke: Screenshots "Remember Me"

(jov)