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IG Metall-Chef Knut Giesler: "Wir sind ab Donnerstag streikbereit"

Knut Giesler : "Wir sind ab Donnerstag streikbereit"

Der Chef der IG Metall NRW spricht im Interview mit unserer Redaktion über die schwierige Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. "Die Arbeitgeber haben sich so tief eingegraben. Die verstehen jetzt nur noch eine klare Sprache", sagt er.

Am Dienstag treffen Arbeitgebervertreter und die IG Metall zur zweiten Verhandlungsrunde für die 800.000 Beschäftigten der nordrhein-westfälischen Metall- und Elektroindustrie zusammen. Die Gewerkschaft verlangt in diesem Jahr 5,5 Prozent mehr Gehalt, eine sogenannte Bildungsteilzeit und neue Regelungen für die Altersteilzeit.

Wie beurteilen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in der Branche?

Giesler Wir haben in den NRW-Betrieben stabile Beschäftigung, eine gute Auftrags- und Produktionslage. Zum Hurra-Schreien reicht es nicht überall, wir befinden uns aber in einer soliden Seitwärtsbewegung.

Die Inflation lag zuletzt bei 0,2 Prozent. Da ist die Forderung von 5,5 Prozent mehr Lohn sportlich.

Giesler Wenn man einer Deflationsgefahr entgegentreten will, muss man die Konjunktur doch ankurbeln. Das geht, indem die Menschen mehr Geld in der Tasche haben. Deshalb halte ich unsere Entgeltforderung für vernünftig. Die 5,5 Prozent überfordern die Betriebe überhaupt nicht.

Der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Arndt Kirchhoff, hat Ihnen eine "dogmatische Zielsetzung" vorgeworfen. Sind die Zeiten vorbei, in denen die IG Metall sich auf Öffnungsklauseln für angeschlagene Unternehmen eingelassen hat?

Giesler Nein. Ich habe das bei den letzten Tarifgesprächen auch klar gesagt. Die Arbeitgeber haben erklärt, dass 14 Prozent ihrer Betriebe gerade keine Gewinne erzielen - die Größenordnung könnte stimmen. Für wirklich angeschlagene Betriebe haben wir aber schon heute genügend tarifpolitische Werkzeuge, um Abschlüsse tragbar zu machen. Da benötigen wir nicht noch mehr Flexibilität. Ich bin kein Verfechter davon, die Arbeit bei den Betriebsräten abzuladen. Das unterscheidet Herrn Kirchhoff und mich.

Die Arbeitgeber sind auch verstimmt, weil die IG Metall trotz anderslautender Absprachen über das Thema Lebensarbeitszeit verhandeln will. Wieso dieser Affront?

Giesler Die generellen Fragen von Lebensarbeitszeit und eine grundlegende Arbeitszeitdebatte sind auch für uns jetzt nicht das Thema dieser Tarifrunde. Das kann aber keineswegs bedeuten, die drängenden Anforderungen an Zeit und Geld für Bildung auszuklammern.

Konkret fordern Sie eine Bildungsteilzeit - also die Möglichkeit für Beschäftigte, sich für eine Weiterbildung freistellen zu lassen.

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Giesler So ist es. Denn wir müssen uns jetzt um gute und offene Zugänge zur Weiterbildung kümmern, damit wir in auch zehn Jahren immer noch genügend top ausgebildete Leute haben.

Die Sorge ist aber groß, dass es dabei um jobfremde Dinge gehen könnte. Wie können Sie der Gegenseite diese Angst nehmen?

Giesler Es geht uns doch nicht um den Häkelkursus auf Mallorca. Wir wollen, dass die Menschen für Jobs in einer immer stärker digitalisierten Industrie weiter am Ball bleiben können. Auch wer zum Beispiel keine Erstausbildung hat oder schon lange im Beruf ist, braucht die Chance auf Anschluss. Es wäre doch fatal, wenn der Wandel kommt und wir nicht genügend qualifizierte Beschäftigte hätten.

Aber wer entscheidet über die Inhalte?

Giesler Die Beschäftigten wollen und müssen mitreden. Die Arbeitgeber tun immer so, als würden sie jetzt schon ausreichend weiterbilden. Das ist völliger Blödsinn. Ich habe jüngst auf einer Veranstaltung mit 150 Betriebsräten gefragt, in welchen Firmen unser Tarifvertrag Weiterbildung angewandt wird. Da hat nur ein einziger aufgezeigt. Wäre es den Arbeitgebern ein Herzensanliegen, würde dieser bereits 2006 geschlossene Tarifvertrag flächendeckend genutzt. Deshalb sagen wir: Da benötigen die Unternehmer dringend Nachhilfe. Und die bekommen sie jetzt von uns.

Sie sprechen auch über Altersteilzeit. Das ist alles ganz schön viel Holz. Haben Sie die Runde überfrachtet?

Giesler Nein. Dass wir über die Altersteilzeit reden müssen, steht seit Mitte 2014 fest. Die Rente mit 63 macht die Neuverhandlungen nötig. Dass sich die Arbeitgeber nun hinstellen und sagen, wir wollen Altersteilzeit nur noch freiwillig bewilligen, bedeutet, dass sie sich von einem seit 14 Jahren bestehenden Grundkonsens verabschieden. Sie verschärfen unnötig den Konflikt.

Bringen Sie Ihre drei Forderungen in eine Rangfolge nach Wichtigkeit.

Giesler Alle drei sind gleich wichtig. Wenn wir mit drei Punkten antreten, wollen wir bei allen auch mit einem Ergebnis über die Ziellinie gehen.

Sie müssen aber in den Verhandlungen der Gegenseite entgegenkommen. Wo wäre das möglich?

Giesler Jetzt sind erst mal die Arbeitgeber dran, uns am Dienstag ein Angebot zu machen. Wenn das auf dem Tisch liegt, können wir über Stellschrauben reden. Aber solange die Arbeitgeber völlig quer im Stall stehen, gibt es für uns keinen Grund darüber nachzudenken. Die Gegenseite kann nicht immer sagen, wir dürften nicht mitreden. Da unterschätzen sie das Selbstbewusstsein der IG Metall.

Kommen Sie diesmal ohne Tariffolklore - sprich Warnstreiks - aus?

Giesler Ich glaube nicht. Die Arbeitgeber haben sich so tief eingegraben. Die verstehen jetzt nur noch eine klare Sprache. Wir sind jedenfalls auf Warnstreiks ab dem 29. Januar bestens vorbereitet.

Kirchhoff hat moniert, dass sie die Pläne schon in der Schublade hatten. Ist der IG Metall Chef Giesler aggressiver als sein Vorgänger Burkhard?

Giesler Nein, die IG Metall NRW geht immer gut vorbereitet in Auseinandersetzungen. Die Fähigkeit zum Druck auf die Arbeitgeber gehört einfach dazu.

MAXIMILIAN PLÜCK FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(maxi)